Aventon Ultro X Motor im Test
Motorenhersteller wie Bosch und Shimano stehen unter Innovationsdruck, und gleichzeitig drängen ambitionierte Newcomer ins Rampenlicht. Der Aventon Ultro X schickt sich an, das Kräfteverhältnis im Full-Power-Segment neu zu definieren. Mit beeindruckenden Leistungswerten auf dem Papier musste sich das Aggregat sowohl im harten Praxiseinsatz auf dem Trail als auch im standardisierten Labor-Check auf unserem Prüfstand beweisen. Ist dieser Motor ein Wachablöser für den Bosch CX?
Performance auf dem Prüfstand: Schein gegen Sein
Auf dem Motorenprüfstand trennt sich die Spreu vom Weizen – insbesondere beim Abgleich zwischen Werksangaben und Realität. Während der aktualisierte Bosch CX der fünften Generation selbst im optimierten App-Setting (+5) die magische Grenze von 700 Watt Spitzenleistung im harten Laborszenario nur haarscharf knackt, liefert der Aventon Ultro X exakt ab. Die versprochenen 750 Watt Maximalleistung stehen stabil auf dem Messprotokoll.
Noch prägender ist jedoch die Art der Leistungsabgabe: Das System entkoppelt die Motorunterstützung fast vollständig vom physischen Input des Fahrers. Unsere 3D-Leistungsdiagramme zeigen ein markantes Plateau. Bereits bei einer geringen Eigenleistung von knapp über 100 Watt gibt das Aggregat massiven Schub frei – unabhängig von der gefahrenen Trittfrequenz. Diese Charakteristik steht im krassen Gegensatz zum betont natürlichen Fahrgefühl eines Specialized Turbo Levo, bei dem hoher Fahrer-Input progressiv mit mehr Leistung belohnt wird.
Auch beim Drehmoment unterstreicht der Ultro X seine Muskeln: Die im Datenblatt für den temporären „Boost-Modus“ (30 Sekunden via Lenkertaste) ausgelobten 120 Newtonmeter lagen auf unserem Prüfstand bereits im regulären Turbo-Modus dauerhaft an.
Effizienz und Reichhöhe: Überraschung beim Energiemanagement
Leistung geht in der Praxis oft mit einem hohen Stromverbrauch einher. Um die Effizienz des Gesamtsystems objektiv zu bewerten, nutzen wir ein standardisiertes Testverfahren: Ein definiertes Systemgewicht von exakt 100 Kilogramm wird mit einheitlichen Schwalbe-Reifen, einer Trittfrequenz von 85 U/min und konstanten 150 Watt Fahrer-Input (überwacht via SRM-Pedale) in der stärksten Unterstützungsstufe bergauf bewegt.
In Kombination mit dem 800-Wh-Akku des Modells Aventon Current deklassiert der Ultro X die etablierte Konkurrenz. Satte 2250 Höhenmeter standen am Ende im Testbuch. Erst unterhalb von 10 Prozent Restkapazität drosselt das System den Output auf ein Niveau von ca. 300 Watt, was der Leistung eines Light-EMTB-Motors entspricht. Diese Effizienzwerte werden von Bosch oder Mahle bei vergleichbarer Akkugröße nicht erreicht; selbst Specialized muss sich trotz minimal größerem 840-Wh-Energiespeicher knapp geschlagen geben. Auch die Bergauf-Geschwindigkeit beeindruckt: Die 1000-Höhenmeter-Marke knackte das System im Test in runden 21 Minuten, auf Augenhöhe mit den schnellsten Aggregaten am Markt.
Sensorik und Fahrdynamik: Intelligente Kraft statt digitaler Brutalität
Die schiere Kraft des Motors wird durch eine hochentwickelte Sensorik im Zaum gehalten. Neben den internen Sensoren wertet das System die Daten einer Sensorscheibe am Hinterrad aus. Das resultiert in einer bemerkenswert feinfühligen Motorsteuerung.
Unser standardisierter Traktionstest auf dem Prüfstand simuliert einen abrupten Grip-Abriss, wie er beim Überfahren von nassen Wurzeln im Uphill auftritt. Während Konkurrenzsysteme von Bosch oder Avinox in diesem Szenario mit einer Lastspitze von über 90 Prozent reagieren und das Rad unkontrolliert durchdrehen lassen, regelt die Aventon-Software den Schub blitzschnell und entschlossen ab, sobald der Druck vom Pedal weicht oder Schlupf erkannt wird.
Ebenso differenziert präsentiert sich das Anfahrverhalten: Erkennt das System einen harten Antritt, steht die volle Unterstützung nach einer Viertelkurbelumdrehung bereit. Beim sanften, urbanen Anrollen lässt sich der Motor hingegen bis zu 500 Grad Kurbelwinkel Zeit, um die Leistung sacht aufzubauen. Ein digitaler „Kopfnicker-Effekt“, wie er beim direkten Konkurrenten Avinox häufig provoziert wird, bleibt hier vollständig aus.
Konnektivität und smarte Features: Das Cockpit der Zukunft
Ein echtes Highlight ist das nahtlos in das Oberrohr integrierte Touchdisplay. Es glänzt mit hervorragender Ablesbarkeit, lässt sich auch mit Langfinger-Handschuhen fehlerfrei bedienen und bietet via App komplett frei konfigurierbare Datenfelder. Dank integrierter GPS-Hardware sind ein Diebstahlschutz sowie Aktivitäts-Tracking ab Werk an Bord. Eine vollwertige topografische Navigation fehlt derzeit noch (ein Kompass ist integriert), Aventon hat hier jedoch kostenlose Over-the-Air-Updates angekündigt.
Die dazugehörige Smartphone-App erlaubt ein tiefgreifendes Tuning von Nachlauf, Unterstützungsfaktor und Drehmomentbegrenzung. Auf dem Trail weiß zudem der Automodus zu überzeugen, der die Unterstützung stufenlos an den Fahrer-Input anpasst und den Griff zur Lenker-Remote überflüssig macht – was ergonomisch von Vorteil ist, da der mechanische Hebel spürbar hohe Daumenkräfte erfordert. Assistenzsysteme wie eine Hill-Hold-Funktion (Start Assist) und eine elektronische Anti-Wheelie-Regelung runden das smarte Gesamtpaket ab.
Pro
- Spitzenleistung von 750 Watt bei minimalem Eigenaufwand
- gute Effizienz: 2250 Hm mit 800-Wh-Akku
- feinfühliges Regelverhalten bei Gripabriss
- Touchdisplay und tiefgreifende App-Konfiguration inkl. GPS-Tracking
- Harmonischer und intelligenter Automodus
Contra
- Getriebeklappern im Downhill
- Lenker-Remote mit hohen Bedienkräften
- bullige Bauart
Fazit zum Aventon Ultro X
Der Aventon Ultro X ist keineswegs eine günstige Notlösung aus Fernost, sondern ein absolut ernstzunehmender Meilenstein im Full-Power-Segment. Die Kombination aus brachialer Spitzenleistung, exzellenter Effizienz und einem hochgradig sensiblen Anfahr- und Regelverhalten setzt die etablierte Konkurrenz unter Zugzwang. Wer maximale Unterstützung bei geringem eigenen Input sucht und Wert auf ein perfekt personalisierbares, smartes Ökosystem legt, findet hier eines der aktuell spannendsten Antriebssysteme auf dem Markt.






