Bosch Konkurrent

Aventon Ultro X Motor im Test

Motorenhersteller wie Bosch und Shimano stehen unter Innovationsdruck, und gleichzeitig drängen ambitionierte Newcomer ins Rampenlicht. Der Aventon Ultro X schickt sich an, das Kräfteverhältnis im Full-Power-Segment neu zu definieren. Mit beeindruckenden Leistungswerten auf dem Papier musste sich das Aggregat sowohl im harten Praxiseinsatz auf dem Trail als auch im standardisierten Labor-Check auf unserem Prüfstand beweisen. Ist dieser Motor ein Wachablöser für den Bosch CX?

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Immer mehr Fahrradhersteller versuchen, sich aus der technologischen Abhängigkeit der Zulieferer zu befreien. Während Vorreiter wie Specialized diesen Pfad seit Jahren beschreiten, wählt Aventon für den europäischen Markteintritt eine strategische Hybrid-Lösung.

Die Hardware des Triebwerks wird beim chinesischen Spezialisten Gobao eingekauft, der über jahrelange Erfahrung (unter anderem durch die Eigenmarke Hepha) verfügt. Software, Akkutechnologie, das Display-Konzept und die gesamte App-Infrastruktur stammen hingegen aus eigener US-Entwicklung. Das minimiert das Risiko typischer Kinderkrankheiten bei der Mechanik und erlaubt gleichzeitig maximale Differenzierung bei den smarten Features. Mit einem Gewicht von 2,8 Kilogramm bewegt sich die Motoreinheit exakt auf dem Niveau des aktuellen Bosch Performance Line CX Gen 5.

Einziger Wermutstropfen bei der Konstruktion: Sobald es in die Abfahrt geht und der Motor keine Leistung abgibt, neigt das Getriebe zu einem unüberhörbaren Freilaufklappern. Diese Geräuschkulisse, die man in ähnlicher Form vom älteren Bosch CX Gen 4 oder dem Shimano EP801 kennt, haben moderne Systeme wie das von Avinox mittlerweile abgestellt. Für die Soundprobe lohnt sich der Blick ins Video.

Aventon Ultro X Motor Test
Wir haben einen Prüfstand entwickelt, der den Charakter des Ultro X Motors detailliert darstellen kann, jenseits seiner reinen Maximalleistung.
Aventon Ultro X Motor Erfahrung
Natürlich haben wir aber nicht auf den Praxistest verzichtet.
Aventon Motor-Charakter
Wie sich der Motor im Gelände anfühlt, bleibt ein zentraler Faktor.

Performance auf dem Prüfstand: Schein gegen Sein

Auf dem Motorenprüfstand trennt sich die Spreu vom Weizen – insbesondere beim Abgleich zwischen Werksangaben und Realität. Während der aktualisierte Bosch CX der fünften Generation selbst im optimierten App-Setting (+5) die magische Grenze von 700 Watt Spitzenleistung im harten Laborszenario nur haarscharf knackt, liefert der Aventon Ultro X exakt ab. Die versprochenen 750 Watt Maximalleistung stehen stabil auf dem Messprotokoll.

Noch prägender ist jedoch die Art der Leistungsabgabe: Das System entkoppelt die Motorunterstützung fast vollständig vom physischen Input des Fahrers. Unsere 3D-Leistungsdiagramme zeigen ein markantes Plateau. Bereits bei einer geringen Eigenleistung von knapp über 100 Watt gibt das Aggregat massiven Schub frei – unabhängig von der gefahrenen Trittfrequenz. Diese Charakteristik steht im krassen Gegensatz zum betont natürlichen Fahrgefühl eines Specialized Turbo Levo, bei dem hoher Fahrer-Input progressiv mit mehr Leistung belohnt wird.

Leistungsentfaltung Aventon Ultro X
Unsere 3D-Leistungsanalyse zeigt ein klares Plateau. Nach links erhöht sich die Trittfrequenz, nach hinten die Inputleistung des Fahrers. Nach oben wird die Leistung des Motors dargestellt.
Leistungsentfaltung Bosch CX Gen 5
Ein Bosch CX hat etwas weniger Leistung und gibt diese erst bei höherer Inputleistung frei. Zudem tut sich der Bosch mit hohen Trittfrequenzen schwerer als mit niedrigen.
Leistungsentfaltung Aventon Ultro X vs. Specialized 3.1
Der Specialized S-Works Motor hat deutlich mehr Dynamik (Steigung) in seiner Leistungsentfaltung. Das ist ein ganz klarer Unterschied zum Aventon Ultro X.

Auch beim Drehmoment unterstreicht der Ultro X seine Muskeln: Die im Datenblatt für den temporären „Boost-Modus“ (30 Sekunden via Lenkertaste) ausgelobten 120 Newtonmeter lagen auf unserem Prüfstand bereits im regulären Turbo-Modus dauerhaft an.

Drehmoment Aventon Ultro X
Beim Drehmoment liefert Aventon mehr ab, als sie versprechen. Im relevanten Bereich von 60 - 70 Umdrehungen liegt üppigstes Drehmoment an.

Effizienz und Reichhöhe: Überraschung beim Energiemanagement

Leistung geht in der Praxis oft mit einem hohen Stromverbrauch einher. Um die Effizienz des Gesamtsystems objektiv zu bewerten, nutzen wir ein standardisiertes Testverfahren: Ein definiertes Systemgewicht von exakt 100 Kilogramm wird mit einheitlichen Schwalbe-Reifen, einer Trittfrequenz von 85 U/min und konstanten 150 Watt Fahrer-Input (überwacht via SRM-Pedale) in der stärksten Unterstützungsstufe bergauf bewegt.

In Kombination mit dem 800-Wh-Akku des Modells Aventon Current deklassiert der Ultro X die etablierte Konkurrenz. Satte 2250 Höhenmeter standen am Ende im Testbuch. Erst unterhalb von 10 Prozent Restkapazität drosselt das System den Output auf ein Niveau von ca. 300 Watt, was der Leistung eines Light-EMTB-Motors entspricht. Diese Effizienzwerte werden von Bosch oder Mahle bei vergleichbarer Akkugröße nicht erreicht; selbst Specialized muss sich trotz minimal größerem 840-Wh-Energiespeicher knapp geschlagen geben. Auch die Bergauf-Geschwindigkeit beeindruckt: Die 1000-Höhenmeter-Marke knackte das System im Test in runden 21 Minuten, auf Augenhöhe mit den schnellsten Aggregaten am Markt.

Reichweite Aventon Ultro X
2250 hm mit einer Akkuladung (800 Wh). Der Aventon Ultro X ist der König der Effizienz.

Sensorik und Fahrdynamik: Intelligente Kraft statt digitaler Brutalität

Die schiere Kraft des Motors wird durch eine hochentwickelte Sensorik im Zaum gehalten. Neben den internen Sensoren wertet das System die Daten einer Sensorscheibe am Hinterrad aus. Das resultiert in einer bemerkenswert feinfühligen Motorsteuerung.

Sensorscheibe
Die Sensorscheibe am Hinterrad nutzen immer mehr Hersteller, um eine bessere Datengrundlage als mit einem Speichenmagnet zu haben.

Unser standardisierter Traktionstest auf dem Prüfstand simuliert einen abrupten Grip-Abriss, wie er beim Überfahren von nassen Wurzeln im Uphill auftritt. Während Konkurrenzsysteme von Bosch oder Avinox in diesem Szenario mit einer Lastspitze von über 90 Prozent reagieren und das Rad unkontrolliert durchdrehen lassen, regelt die Aventon-Software den Schub blitzschnell und entschlossen ab, sobald der Druck vom Pedal weicht oder Schlupf erkannt wird.

Grip Abriss Test Aventon Motor
In diesem Test wird ein durchdrehendes Hinterrad (innerhalb der braunen Fläche) simuliert. Der Aventon Motor regelt in diesem Szenario seine Power sanft um 40 % nach oben.
Grip Abriss Test Avinox Motor
Das Avinox System legt beim selben Test schlagartig 92 % seines Leistungsniveaus oben drauf. Das begünstigt ein durchdrehendes Hinterrad enorm.
Grip Abriss Test Bosch Motor
Bei Bosch sieht es ähnlich aus wie bei Avinox. Auch hier wird ein durchdrehendes Hinterrad zusätzlich stark beschleunigt.

Ebenso differenziert präsentiert sich das Anfahrverhalten: Erkennt das System einen harten Antritt, steht die volle Unterstützung nach einer Viertelkurbelumdrehung bereit. Beim sanften, urbanen Anrollen lässt sich der Motor hingegen bis zu 500 Grad Kurbelwinkel Zeit, um die Leistung sacht aufzubauen. Ein digitaler „Kopfnicker-Effekt“, wie er beim direkten Konkurrenten Avinox häufig provoziert wird, bleibt hier vollständig aus.

Antrittstest Aventon Ultro X
Diese Grafik zeigt, wie unterschiedlich der Aventon Motor auf Antritte reagiert. Mit einer großen Spreizung zwischen der gelben und der blauen Line wird klar: Die Amis orientieren sich hier ganz klar an Specialized.

Konnektivität und smarte Features: Das Cockpit der Zukunft

Ein echtes Highlight ist das nahtlos in das Oberrohr integrierte Touchdisplay. Es glänzt mit hervorragender Ablesbarkeit, lässt sich auch mit Langfinger-Handschuhen fehlerfrei bedienen und bietet via App komplett frei konfigurierbare Datenfelder. Dank integrierter GPS-Hardware sind ein Diebstahlschutz sowie Aktivitäts-Tracking ab Werk an Bord. Eine vollwertige topografische Navigation fehlt derzeit noch (ein Kompass ist integriert), Aventon hat hier jedoch kostenlose Over-the-Air-Updates angekündigt.

Die dazugehörige Smartphone-App erlaubt ein tiefgreifendes Tuning von Nachlauf, Unterstützungsfaktor und Drehmomentbegrenzung. Auf dem Trail weiß zudem der Automodus zu überzeugen, der die Unterstützung stufenlos an den Fahrer-Input anpasst und den Griff zur Lenker-Remote überflüssig macht – was ergonomisch von Vorteil ist, da der mechanische Hebel spürbar hohe Daumenkräfte erfordert. Assistenzsysteme wie eine Hill-Hold-Funktion (Start Assist) und eine elektronische Anti-Wheelie-Regelung runden das smarte Gesamtpaket ab.

Touch Display Aventon
Das Touch-Display im Oberrohr kennt man von Avinox. Aventon liefert hier auf Augenhöhe mit dem chinesischen Konkurrenten ab.
Remote Controller Aventon E-Bike
Der Remote für die Motoreinheit ist dezent, hat aber hohe Bedienkräfte.

Pro

  • Spitzenleistung von 750 Watt bei minimalem Eigenaufwand
  • gute Effizienz: 2250 Hm mit 800-Wh-Akku
  • feinfühliges Regelverhalten bei Gripabriss
  • Touchdisplay und tiefgreifende App-Konfiguration inkl. GPS-Tracking
  • Harmonischer und intelligenter Automodus

Contra

  • Getriebeklappern im Downhill
  • Lenker-Remote mit hohen Bedienkräften
  • bullige Bauart
Aventon Ultro X Motor im Test

Fazit zum Aventon Ultro X

Der Aventon Ultro X ist keineswegs eine günstige Notlösung aus Fernost, sondern ein absolut ernstzunehmender Meilenstein im Full-Power-Segment. Die Kombination aus brachialer Spitzenleistung, exzellenter Effizienz und einem hochgradig sensiblen Anfahr- und Regelverhalten setzt die etablierte Konkurrenz unter Zugzwang. Wer maximale Unterstützung bei geringem eigenen Input sucht und Wert auf ein perfekt personalisierbares, smartes Ökosystem legt, findet hier eines der aktuell spannendsten Antriebssysteme auf dem Markt.

Über den Autor

Ludwig Döhl

... hat mehr als 100.000 Kilometer im Sattel von über 1000 unterschiedlichen Mountainbikes verbracht. Die Quintessenz aus vielen Stunden auf dem Trail: Mountainbikes sind geil, wenn sie zu den persönlichen Vorlieben passen! Mit dieser Erkenntnis hat er bike-test.com gegründet, um Bikern zu helfen, ein ganz persönliches Traumbike zu finden.

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