15 Systeme im Vergleich

E-Bike Reichweitentest

Die Reichweite eines E-Mountainbikes gehört zu den wichtigsten, aber auch am kontroversesten diskutierten Kaufkriterien auf dem Markt. Ein aufwendiger, standardisierter Praxistest von 20 aktuellen Motorsystemen unter absolut identischen Bedingungen räumt nun mit den gängigen Mythen rund um Energieverbrauch und Effizienz auf und liefert fundierte, reproduzierbare Fakten zur realen Reichweite und Effizienz von Motorsystemen.

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Pauschale Aussagen über die Ausdauer eines E-Mountainbikes greifen in der Praxis meist zu kurz. Die individuelle Reichweite hängt von zahlreichen variablen externen Faktoren wie dem Untergrund, dem Geländeprofil, dem Systemgewicht sowie der erbrachten Eigenleistung ab. Um eine belastbare Vergleichbarkeit zu garantieren, wurde für diesen Vergleich ein strenger, standardisierter Testaufbau entwickelt, der die externen Störfaktoren weitestgehend eliminiert.

E-Bike Reichweitentest
Wir haben alle Systeme an unserem Standard-Testanstieg leergefahren. Die Trittfrequenz (85 U/min) und die Inputleistung (150 Watt) haben wir dabei mit SRM-Wattmesspedalen an jedem Testbike überwacht.

Das Testfeld deckt die gesamte Bandbreite des aktuellen Marktes ab. Neben weit verbreiteten Branchenriesen wie dem Shimano EP801 oder dem bewährten Bosch CX der vierten und fünften Generation haben wir auch bei innovativen Newcomern wie dem Avinox-System, exklusiven Getriebe-Antrieben wie der Pinion MGU sowie minimalistischen Light-Motoren den Akku unter identischen Bedingungen leergefahren. So ergibt sich ein umfangreiches Bild.

Bosch CX Gen 5 Motor
Darf in so einem Test nicht fehlen: Der Bosch CX Gen 5 Motor war mit diversen Akkus und Update-Versionen bei uns im Test dabei.
Maxon Drive Air S
Aber auch Exoten wie der Maxon Drive Air S mussten sich unserem Reichweitentest stellen.

Akkugröße versus Motorleistung: Die drei Effizienzklassen

Die fundamentale Annahme, dass eine höhere Akkukapazität automatisch in einer linear ansteigenden Reichweite resultiert, erweist sich im Praxistest als Trugschluss. Und genau so ist es ein Trugschluss, dass Motoren mit hoher Leistung eine geringere Effizienz aufweisen. Hier wird deutlich. Das Thema Reichweite ist hochkomplex, vor allem wenn man es mit inhomogenen Leistungswerten und unterschiedlichen Akkugrößen, als möglichste praxisnah abdecken will.

Wir haben jedes System in seiner maximalen Unterstützungsstufe gefahren, ohne das Werkssetting zu verändern. So wird die Sache deutlich fundierter, als nur die reine Reichweite zu betrachten.

Durchschnittsleistung
Die Testkandidaten haben unterschiedliche Leistungswerte. Von 250 Watt bis über 600 Watt (ganz rechts) war in unserem Test alles dabei, was den Vergleich der generellen Effizienz erschwert.

Über das gesamte Testfeld hinweg generieren die Motoren im Durchschnitt rund 280 Höhenmeter aus 100 Wattstunden (Wh) Kapazität. Dieser Mittelwert besitzt jedoch nur bedingt Aussagekraft, da die Leistungsabgabe der Systeme drastisch divergiert: Während ein minimalistischer TQ HPR 50 im Testszenario dauerhaft rund 250 Watt mobilisiert, schieben Kraftpakete wie das Avinox-System oder der Specialized Levo 3.1 Motor mit über 600 Watt permanentem Output bergauf.

TQ HPR 50
Niedrige Leistung bedeutet nicht gleich hohe Effizienz. Denn leistungsschwache Motoren haben in unserem Test zwar eine vergleichbare, aber tendenziell eher niedrige Effizienz.
TQ HPR 50
Der Wichtling im Test: Sowohl Baumaß als auch Leistung und Gewicht fallen beim TQ HPR 50 sehr klein aus. Wir haben lange getüftelt, um diesen Motor auf eine vergleichbare Ebene zu bringen.

Aus diesem Grund wurden die Antriebe für eine transparente Analyse in drei spezifische Leistungsklassen unterteilt:

  • Klasse 1 (unter 350 Watt): Klassische Light-Motoren (z. B. TQ, Fazua), die im Schnitt 310 Höhenmeter pro 100 Wh realisieren.
  • Klasse 2 (bis 450 Watt): Allrounder wie der klassische Bosch CX, die rund 290 Höhenmeter aus 100 Wh generieren.
  • Klasse 3 (über 450 Watt): Die neue Power-Generation (z. B. Avinox, Shimano EP801), deren enormer Vortrieb den Energieverbrauch in die Höhe treibt und die Ausbeute auf durchschnittlich 260 Höhenmeter pro 100 Wh drückt.

Auch wenn bei der reinen Reichweite (siehe Diagramm unten) große Unterschiede zum Vorschein kamen, ist es wichtig, diesen Begriff und die Ergebnisse nicht mit der Effizienz gleichzusetzen. Wie dicht alle Motoren bei der Effizienz beieinanderliegen, wird erst deutlich, wenn man aus unseren Reichweitenangaben den Anteil an Höhenmetern herausrechnet, der vom Fahrer selbst erbracht wurde.

Der Knackpunkt: Bei tendenziell schwächeren Motoren wie dem TQ HPR 50 oder dem Fazua Ride 60 speise ich über die gesamte Akkuentladung mehr Energie ein – einfach weil ich länger unterwegs bin und meine 150 Watt Eigenleistung entsprechend länger einbringe. Ein Motor, der seine maximale Reichweite in kürzerer Zeit abspult, profitiert dagegen weniger von dieser menschlichen Zusatzleistung.
Im Diagramm haben wir blau markiert, welcher Anteil der Höhenmeter pro 100 Wh Akkukapazität in unserem Testaufbau allein vom Motorsystem stammt. Der graue Anteil ist der menschliche Beitrag – und wie groß der ausfällt, hängt stark von der gefahrenen Geschwindigkeit ab.

Bei langsameren Systemen bringe ich für die Entladung von 100 Wh Akkukapazität meine menschlichen 150 Watt länger ein, weshalb der graue Anteil (im Diagramm unten) bei schwächeren Motoren spürbar größer ausfällt. Der blaue Anteil schwankt dabei um etwa ±10 %.

Pragmatisch betrachtet gibt es keinen echten Ausreißer bei der Effizienz. Tendenziell schaffen Motorsysteme mit weniger Leistung sogar etwas weniger Höhenmeter pro Wh aus reiner Motorleistung als solche, die mit mehr Leistung arbeiten. Der TQ HPR 60 bildet hier eine Ausnahme. Alle Systeme bewegen sich ohnehin in einem sehr engen Korridor.

Menschliche Leistung vs. Motorleistung
Rechnet man den Faktor Mensch in unserem Testaufbau raus, schaffen alle Motoren zwischen 190 und 240 Höhenmeter pro Wattstunde. Diese Werte sind nahezu unabhängig von der Leistung des Motorsystems. Leistungsstarke Motoren schaffen die Höhenmeter zwar schneller, wandeln die Energie aus dem Akku aber mit einer vergleichbaren Effizienz in Vortrieb um wie leistungsschwache Motoren.

Technische Phänomene: Leistungsreduktion und Systemspannung

Ein kritischer Faktor im Testverlauf ist das Verhalten der Systeme bei niedrigen Ladeständen. Viele leistungsstarke Antriebe drosseln gegen Ende der Kapazität spürbar ihre Performance oder schalten in einen Notlaufmodus. Dieses Verhalten wird primär durch das Batterie-Management-System (BMS) gesteuert, um die verbleibende Reichweite künstlich zu strecken und den Fahrer vor einem abrupten Systemausfall zu schützen. Zudem können alternde oder fast leere Akkuzellen rein physikalisch die extrem hohen Ströme für die Spitzenleistung nicht mehr stabil bereitstellen.

Spannende Erkenntnisse lieferte der Blick auf die Getriebeplattform der Pinion MGU. Trotz des integrierten Schaltgetriebes in der Motoreinheit zeigt das System keine signifikanten Effizienzverluste gegenüber einer klassischen Kettenschaltung. Dies liegt unter anderem an der hohen Systemspannung von 48 Volt. Während die meisten Hersteller mit 36 Volt arbeiten, verringern höhere Spannungen theoretisch die Stromstärken und damit die thermischen Leistungsverluste – eine pauschale Effizienzgarantie für den Endnutzer lässt sich daraus im direkten Konkurrenzvergleich jedoch nicht ableiten.

Pinion MGU
Die Pinion MGU arbeitet mit 48-Volt-Systemspannung und hat eine vergleichbare Effizienz wie Motorsysteme ohne integriertes Getriebe.
Pinion MGU
Röntgenblick-Grafik des Pinion MGU-Getriebes
Kettenschaltung
Klassische Kettenschaltungen gelten als hocheffizient, aber es scheint so, als gilt das in der Welt der EMTBs auch für im Motor integrierte Getriebeschaltungen.

Licht und Schatten im Segment der Light-E-MTBs

Im Rahmen der Datenauswertung entpuppte sich der weit verbreitete TQ HPR 50 mit seinem 360-Wh-Akku im direkten Leistungsvergleich als verhältnismäßig ineffizient. Er erzielt zwar ähnliche absolute Höhenmeterwerte wie Konkurrenzsysteme mit 400-Wh-Speichern, liefert dabei jedoch mit rund 250 Watt eine signifikant geringere Unterstützung als die Konkurrenz von Maxon oder Giant, die über 400 Watt mobilisiert. Dass der Hersteller diese Schwachstelle erkannt hat, zeigt der modernisierte TQ HPR 60: Bei identischer Leistung steigert das neue Aggregat die Ausbeute drastisch von 300 auf 380 Höhenmeter pro 100 Wh.

TQ HPR 60
TQ hat sich mit dem HPR 50 Motor beim Thema Reichweite nicht mit Ruhm bekleckert. Mit dem HPR 60 Motor haben die Bayern dafür in diesem Bereich ordentlich nachgelegt.

Ein grundlegendes Problem im Segment der Light-E-MTBs bleibt die Konstruktionsweise. Viele dieser Räder setzen auf extrem kompakte, aber fest im Rahmen verbaute Akkus mit Kapazitäten zwischen 360 und 480 Wh. Da ein schneller Akkuwechsel auf Tour somit unmöglich ist, schrumpft das Einsatzfenster abseits der schnellen Feierabendrunde massiv zusammen. Wer mit diesen Systemen alpine Tagestouren plant, kommt um die Investition in einen oft kostspieligen und schweren Range Extender kaum herum.

360 Wh Akku
Aus einem kleinen Akku wie dem 360 Wh Stunden Akku kommt einfach nur eine bedingte Reichweite heraus, egal welchen Motor man dahinter klemmt.
800 Wh Akku
Große 800er Akkus sind deutlich schwerer als die der light EMTBs mit 400 Wh und weniger, aber wer über 2000 hm fahren will, braucht einen solchen Energietank.

Einen echten ergonomischen und wirtschaftlichen Sweetspot markiert hier die Kombination aus dem neuen TQ HPR60 und einem 580-Wh-Akku, wie sie beispielsweise im Rose File Plus zum Einsatz kommt. Mit einer Begrenzung auf maximal 360 Watt Spitzenleistung knackt das System im Test dank seiner hohen Effizienz die Marke von fast 2200 Höhenmetern – und das bei einem absolut moderaten Gesamtgewicht und fairen Anschaffungskosten.

TQ HPR 60 Motor
Weil man mit light EMTBs langsamer unterwegs ist, leistet man als Mensch seine eigene Leistung über einen längeren Zeitraum, was die Gesamtreichweite des Systems Mensch + Maschine extrem erhöht.

High-End-Reichweiten und die Revolution der Ladezeiten

Wer die maximale Unterstützung eines Full-Power-Bikes wünscht und gleichzeitig über 2000 Höhenmeter anpeilt, kommt an einer Akkukapazität von mindestens 800 Wh nicht vorbei. Als Reichweitenkönig kristallisierte sich im Test der Aventon-Ultron-X-Motor heraus, der im preiswerten Modell Aventon Current verbaut ist und trotz permanenter Höchstleistung von fast 600 Watt phänomenale Distanzen meistert. Die Kehrseite der Medaille bleibt das hohe Systemgewicht: Entsprechende Bikes in bezahlbaren Regionen wiegen in der Regel um die 24 Kilogramm. Ultraleichte High-End-Modelle wie das Pivot Shuttle AM oder das zukunftsweisende Amflow PL durchbrechen zwar die Gewichtsmuster nach unten, reißen jedoch enorme Löcher ins Budget.

800 Wh Bike Gewicht
Wer einen 800er Akku haben will, liegt beim Gewicht des EMTBs meist bei 24 Kilo oder mehr.
Ladezeit eMTB
Ladegeschwindigkeiten sind ein riesiges Thema. Hersteller wie Avinox oder Specialized haben Schnellladegeräte, mit denen sich ein 800 Wh Akku in ca. 3 Stunden wieder aufladen lässt. Mit einem Standardladegerät, wie es die meisten Bosch Bikes haben, dauert das mehr als doppelt so lange.
Range Extender
Unser Tipp: Das Thema Akku so flexibel wie möglich halten. Mit Range Extender und wechselbaren Akkus kann man die Akkugröße und das Gewicht von Tag zu Tag anpassen.

Als besonders praxistauglich erweisen sich im Alltag modulare Akku-Konzepte, wie sie von Bosch oder Specialized angeboten werden. Fahrer, die flexibel zwischen einem leichteren 600-Wh-Akku für maximale Agilität auf dem Hometrail und einer Erweiterung per Range Extender für epische Wochenend-Trips wechseln können, erzielen das beste Handling. Zudem bietet die weite Verbreitung dieser Systeme den unschätzbaren Vorteil, auf Reisen unkompliziert einen Zweitakku im Freundeskreis leihen zu können.

Standard Akku
Proprietäre Akkusysteme von Bosch, Avinox oder TQ machen es durch Vereinheitlichung möglich, dass man sich bei Bedarf einen Akku beim Nachbarn, Kumpel oder Familienmitglied ausleihen kann.

Abseits der reinen Kapazität rücken die Ladezeiten zunehmend in den Fokus der technologischen Entwicklung. Während ein klassischer 800-Wh-Akku von Bosch mit einem Standard-Ladegerät fast 6,5 Stunden an der Steckdose blockiert, lädt das DJI-System dank eines massiven 12-Ampere-Schnellladegeräts denselben Speicher in knapp über 3 Stunden komplett auf. Mit angekündigten technologischen Offensiven, wie dem Laden eines 750-Wh-Akkus in nur 20 Minuten auf 80 Prozent, steht der E-Mountainbike-Industrie der nächste große Entwicklungssprung bevor.

Reichhöhen EMTBs
Die absoluten Reichweiten, die wir in unserem Testaufbau ermitteln konnten, liegen zwischen knapp unter 1000 und knapp über 2000 Höhenmetern. Die Akkugrößen sind bei den Motoren mit genannt. Das Preeto System ist aktuell nicht auf dem Markt erhältlich, wurde von uns aber auch bereits getestet.

Fazit zum Thema Reichweite

Wenn die maximale Reichhöhe das primäre Kaufkriterium für ein neues E-Mountainbike darstellt, ist die Wahl des reinen Motorenherstellers fast nebensächlich. Unser standardisierter Härtetest beweist, dass sich alle modernen Antriebe auf einem sehr ähnlichen Effizienzniveau bewegen. Den mit Abstand größten Hebel zur Beeinflussung der Reichweite besitzt der Fahrer noch immer selbst – durch die bewusste Wahl der Unterstützungsstufe sowie den strategischen Blick auf modulare Wechselakku- und Ladekonzepte. Für Touren mit über 2000 Höhenmetern geht nichts ohne einen 800 Wh Akku.

Aventon Ultro X
Die Unterschiede zwischen den Motoren sind gering, aber wenn man so will, dann ist der Aventon-Ultra-X-Motor auf Gobao-Basis der Motor, der bei hohen Leistungen Strom in unserem Test am effizientesten in Vortrieb umwandelt.
Editors' Choice Award
Für diese Leistung geben wir dem Aventon Ultro-X-System unseren Editors-Choice Award für das Thema Reichweite.
Aventon Current
Im Aventon Current ist der Motor ab 4000 € erhältlich. Der Akku ist entnehmbar und Aventon hat auf der Eurobike zudem ein erschwingliches Schnellladegerät für dieses System gezeigt, das die Ladezeit für den 800er Akku auf ca. 3 h drücken soll. Insgesamt nimmt Aventon das Thema Reichweite ernster als andere Hersteller, was man nur begrüßen kann.
Upway Partner
Diese Kaufberatung wird von Upway unterstützt. Upway ist ein professioneller Anbieter von gebrauchten Bikes, der diese nicht nur verkauft, sondern in einem strukturierten Prozess auch refurbished, sodass sie oft wie neu daherkommen. Einstiegs-Topmodelle gibt es hier für unter 3000 €. Ein Blick in den Webshop von Upway lohnt sich.

Wer den Gebrauchtmarkt checken will: Hier geht’s zum Upway-Webshop.

Über den Autor

Ludwig Döhl

... hat mehr als 100.000 Kilometer im Sattel von über 1000 unterschiedlichen Mountainbikes verbracht. Die Quintessenz aus vielen Stunden auf dem Trail: Mountainbikes sind geil, wenn sie zu den persönlichen Vorlieben passen! Mit dieser Erkenntnis hat er bike-test.com gegründet, um Bikern zu helfen, ein ganz persönliches Traumbike zu finden.

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