Preeto P110 im Test
Der Markt für E-Bike-Motoren bebt. Während etablierte europäische und japanische Marken über Jahre hinweg den Ton angaben, drängen neue Akteure aus Asien mit beachtlicher technischer Dynamik nach vorne. Das Geschäftsmodell von Avinox (DJI) macht Schule. Mit Preeto will ein weiterer unbekannter Hersteller aus China die Hierarchie der Full-Power-Motoren aufmischen. Im standardisierten Labortest und im Praxiseinsatz zeigt das neue P110-System eine bemerkenswerte Effizienz und innovative Sensorik, offenbart aber auch noch verfeinerungsbedürftige Details.
Leistungsentfaltung auf dem Prüfstand
Auf dem stationären Prüfstand bestätigt der Preeto P110 die im Datenblatt angegebenen Leistungswerte von 750 Watt Maximalleistung und ein Drehmoment von 110 Newtonmetern. Damit platziert sich das Aggregat rein nominell rund zehn Prozent über dem aktuellen Marktreferenzwert eines Bosch Performance Line CX.
Die softwareseitige Abstimmung zeigt jedoch eine spezifische Charakteristik: Bei einer geringen menschlichen Inputleistung von unter 100 Watt agiert der Motor spürbar zurückhaltend. Seine volle Kraft entfaltet das System erst, wenn der Fahrer aktiv mit einer Eigenleistung von über 100 Watt in die Pedale tritt. Wer 150 Watt und mehr anliegen lässt, was eine sportliche Fahrweise voraussetzt, kann das maximale Potenzial von bis zu 750 Watt abrufen.
Trittfrequenz-Analyse und Software-Abstimmung
In der Analyse der Trittfrequenz-Abhängigkeit zeigt die ermittelte 3D-Leistungsentfaltungskarte eine verblüffende Parallele zu europäischen Benchmarks. Die Form der Kurve ist nahezu identisch mit der Charakteristik eines Bosch-Antriebs: Bis zu einer Inputleistung von 150 Watt unterstützt das System auch niedrige Kadenzen sehr kraftvoll, was gemütlichen Fahrern im Toureneinsatz entgegenkommt.
Höhere Trittfrequenzen werden erst in Kombination mit einer höheren Inputleistung belohnt. In gewisser Weise ist der Motor hier mit einem Charakter unterwegs, der versucht, das Beste aus zwei Welten unter einen Hut zu bringen.
Innovative Sensorik im Gelände-Einsatz
Seine größte Stärke spielt das System im technischen Uphill über eine hochauflösende Rasterscheibe als Sensor am Hinterrad aus. Im Gegensatz zu vielen Mitbewerbern, deren Antriebe bei Traktionsverlust auf nassen Wurzeln oder losem Untergrund unkontrolliert nachschieben, greift hier eine effiziente Anti-Slip-Regelung.
Das System registriert ein durchdrehendes Hinterrad in Millisekunden, regelt die Motorleistung sofort kontrolliert herunter und setzt erst wieder ein, sobald verlässlicher Grip anliegt. In Kombination mit einem präzisen, schnellen Ansprechverhalten und einem kontrollierten, frühen Abbruch des Nachlaufs nach dem Kurbelstopp klettert das System selbst extrem steile Passagen ähnlich souverän empor wie das innovative Avinox-System. Die unaufgeregte Regelung und die nicht exorbitanten Leistungswerte geben dem Motor allerdings ein natürliches Fahrverhalten.
Akustik-Check
Der Motor ist kein Leisetreter. Der Motor ist beim Unterstützen jederzeit hörbar, während er im harten Downhill-Einsatz auf dem Singletrail das typische Getrieberasseln, das man auch von anderen Motoren kennt, generiert. Da der Mutterkonzern die gesamte Fertigungskette inklusive aller Zahnräder unter einem Dach vereint, besteht hier jedoch ein hohes Potenzial für schnelle mechanische Nachbesserungen.
Effizienz, Reichweite und thermisches Verhalten
Im standardisierten Reichweitentest setzt der mit einem 800-Wh-Akku bestückte Underdog eine neue Benchmark in dieser Akkuklasse. Das System absolvierte insgesamt 2300 Höhenmeter, bevor der Energiespeicher vollständig erschöpft war.
Diese enorme Effizienz resultiert auch aus einer konservativeren Systemgeschwindigkeit: Für 1000 Höhenmeter benötigt der Preeto 23 Minuten, während Express-Antriebe wie das Avinox-System oder ein modifizierter Aventon-Antrieb die gleiche Höhe in 21 Minuten oder weniger bewältigen. Unter extrem dauerhafter Belastung neigt der kompakte, 2,6 Kilogramm Motor jedoch zu spürbarer Erwärmung an den Kühlflächen.
Nach rund 1200 Höhenmetern im maximalen Unterstützungsmodus setzte ein leichtes, messbares thermisches Derating ein, das sich nach einer kurzen Abkühlphase im Testverlauf selbstständig regulierte.
Pro
- gute Gesamteffizienz mit über 2.300 Höhenmetern Reichweite (800-Wh-Akku)
- Anti-Slip-Regelung verhindert effektiv ein Durchdrehen des Hinterrads
- Gutes Gewichts-Leistungs-Verhältnis mit nur 2,6 Kilogramm Motorgewicht
Contra
- Geräuschkulisse
- erhöhte Hitzeentwicklung
Fazit zum Preeto P110
Die Chinesen beherrschen das Zusammenspiel aus hoher Leistungsdichte, exzellenter Sensorik und vorbildlicher Energieeffizienz bereits vor dem Markteintritt. Preet hat noch das ein oder andere Thema, an dem man arbeiten kann, aber schon jetzt hat der Motor ein erstaunliches Niveau. Es ist gut vorstellbar, dass wir diesen Motor demnächst als Whithe-Label-Lösung in Bikes europäischer Marken zu sehen bekommen. Hersteller wie Preeto gießen Benzin ins aktuell lodernde Feuer des Motorenmarktes.






