Amflow TL Trekkingbike im Test
Das Amflow TL wirbelt das E-SUV-Segment auf: Ein voll ausgestattetes Carbon-Bike mit 110 Nm Drehmoment, 800-Wh-Akku und intelligenter Navigation für 3.499 Euro. So viel Bike gab es noch nie für so wenig Geld. Doch kann der Newcomer der EMTB-Szene auch im harten Alltag überzeugen?
Der Konkurrenzvergleich: Weniger Gewicht, mehr Details
Ein Blick auf das aktuelle Marktumfeld verdeutlicht, wie schwer sich die Mitbewerber tun, diese Eckdaten zu erreichen. Ein vergleichbar ausgestattetes Centurion Numinis EQ bringt weit über 30 Kilogramm auf die Waage und schlägt mit fast 7.000 Euro zu Buche, während selbst ein nacktes Cube Stereo Hybrid One44 EXC 800 ohne jegliche Alltagsausstattung über 28 Kilogramm wiegt.
Neben dem eklatanten Gewichtsvorteil punkten die Chinesen mit durchdachten Detaillösungen: Die verbauten TRP-Bremsen verfügen ab Werk über extra dicke Bremsbeläge und Bremsscheiben mit erhöhter Materialstärke, was die Wartungsintervalle im harten Pendeleinsatz drastisch verlängert.
Der Antrieb im Detail: TRP-Funkschaltung und Robustheit
Die elektronische TRP-Schaltung agiert komplett kabellos per Funk, bezieht ihre Energie jedoch praktischerweise direkt aus dem Hauptakku des Fahrzeugs. Durch die permanente Kommunikation mit der Motorsteuerung ermöglicht das System innovative Features wie eine Halbautomatik beim Rollen und materialschonende, automatisierte Schaltvorgänge unter Last.
Bewusst reduziert Amflow die Ganganzahl auf eine 10-fach-Kassette: Da die immense Motorleistung den Verschleiß extrem in die Höhe treibt, erlauben die breiteren Ritzel und eine dickere Kette eine signifikant höhere Resistenz gegen Kettenrisse und Verschleiß, ohne dass im urbanen Alltag feine Gangabstufungen vermisst werden. Die Gangschaltung wechselt die Gänge zwar nicht ganz so schnell und smooth wie aktuelle highend 1×12 Antriebe von Sram und Shimano, aber sie funktioniert zuverlässig.
Unser großer Schaltungstest hat gezeigt, dass hier mittlerweile viele Hersteller auf ähnlichem Niveau abliefern können wie die Top Player am Markt. Auch spannend. Den Schalthebel baut Avinox einfach selbst, bzw. wird dafür der Bedienhebel des E-Bike-System einfach anders genutzt. Amflow bzw. Avinox treibt hier die Fertigungstiefe am Fahrrad an jeder erdenklichen Ecke nach oben. Was ihnen unterm Strich eine bessere Kalkulationsgrundlage für die Preise bietet. Ein zentraler Wettbewerbsvorteil, den kaum eine andere Marke so gekonnt spielt. Haptik und Ergonomie bieten keinen Anlass zu Kritik.
Fahrwerk und Geometrie: Komfort statt Trail-Hatz
Mit einem Federweg von 120 Millimetern an der Front und 105 Millimetern am Heck bietet das Fahrwerk genügend Komfort für unbefestigte Wege, mutiert jedoch nicht zum agilen Trailflitzer. Die aufrechte Sitzposition und die kompakten 27,5-Zoll-Laufräder sind primär auf maximalen Fahrkomfort und Stabilität ausgelegt. Um Produktionskosten zu minimieren, wird das TL in nur zwei Doppelgrößen (S/M und L/XL) angeboten; dank des flachen Sitzwinkels und des langen Steuerrohrs wächst der Abstand zum Lenker bei steigendem Sattelauszug jedoch spürbar an, was eine erstaunlich breite Spanne an Körpergrößen ohne Ergonomie-Einbußen abdeckt.
Wir haben im Testzeitraum Fahrer mit einer Körpergröße von 1,65 bis 1,90 Meter auf dem Bike in der Größe L/XL gesessen. Für Kurzstrecken im Alltag war das kein Problem.
Die serienmäßige Variostütze mit 170 mm Hub erleichtert nicht nur das Aufsteigen, sondern ermöglicht auch den schnellen Fahrerwechsel in der Familie ohne Werkzeug. Denn dann kann der kleinere Partner schnell einfach den Sattel so einstellen, dass er angenehm treten kann und muss nicht kompliziert alles Mögliche anpassen.
Wer längere Touren plant, der sollte unter 1,70 Meter tendenziell eher zur Rahmengröße S/M greifen. Denn da sitzt man einfach vernünftig und kann den Hub der Teleskopsattelstütze auch noch ausnutzen.
Steifigkeit und Labormessungen: Stabil bis 200 kg
Besonders beeindruckend für diese Fahrzeugklasse ist die Freigabe für ein maximales Systemgewicht von 200 Kilogramm, gestützt durch robuste Gepäckträger an Front und Heck. Auf dem hauseigenen Steifigkeitsprüfstand erzielt der Carbonrahmen eine Verwindungssteifigkeit von 47 Newtonmeter pro Grad. Das ist kein Benchmark-Wert, aber in Ordnung. Im Fahrbetrieb schaukelt sich selbst bei hoher Zuladung nichts auf. Auch der Betrieb mit einem schweren Anhänger ist offiziell freigegeben, wofür Amflow eine optionale Steckachse im Webshop anbietet.
Wir haben im Testzeitraum das Bike mit Kindersitzen und Kinderanhänger voll aufgeladen, um diese Extremsituationen zu testen. Das Amflow macht hier tatsächlich eine gute Figur. Vor allem bergauf ist man hier mit dem starken Motor mit fast 2 PS (1100 Watt Unterstützungsleistung) perfekt aufgestellt.
Motorpower und Akku: Der DJI Avinox-Kraftprotz
Das unbestrittene Herzstück des E-SUVs bleibt der DJI Avinox-Motor, welcher mit 110 Newtonmetern Drehmoment und einer Spitzenleistung von 1100 Watt die etablierte Konkurrenz deklassiert und dabei akustisch angenehm dezent im Hintergrund bleibt. Der 800-Wh-Akku lässt sich mit einem Schlüssel aus dem Unterrohr entnehmen und ermöglichte im Test Touren mit über 2.000 Höhenmetern. In der Alltagsnutzung im niederbayerischen welligen Terrain mit Kinderanhänger waren ca. 50 Kilometer mit einer Akkuladung möglich.
Ein weiteres Highlight ist die nahtlose Komoot- und Strava-Integration: Das bündig im Oberrohr eingelassene Display liefert eine zuverlässige Live-Navigation via Abbiegehinweisen und ist im Falle eines Sturzes perfekt geschützt. Eine vollständige Karte mit Straßennamen kann das Display nicht anzeigen.
Kritikpunkte und Alltagsschwächen
Trotz der rundum überzeugenden Vorstellung leistet sich das Amflow TL ein unübersehbares Defizit im sonst so smarten Systemgedanken. Während der extrem helle Frontscheinwerfer direkt über den Hauptakku gespeist wird, verfügt die Rückleuchte über einen separaten Akku, der umständlich extern geladen werden muss. Hier muss der Hersteller bei zukünftigen Modellpflegen nachbessern. Auch ein expliziter Knopf, um das Licht ein- und auszuschalten, wäre wünschenswert, um den ansonsten gelungenen Bedienkomfort nicht zu schmälern.
Details, die uns aufgefallen sind
Pro
- Überragendes Preis-Leistungs-Verhältnis
- kraftvoller und leiser Avinox-Motor
- geringes Gesamtgewicht
- verschleißarme, elektronische Schaltung
- hohes zulässiges Systemgewicht
- Live-Navigation via Komoot/Strava direkt im Oberrohr
Contra
- Rücklicht ist nicht ins E-Bike-System eingebunden
- nur zwei Rahmengrößen
- 29er Laufräder könnten für L/XL sinnvoll sein
Fazit zum Amflow TL Trekking Bike.
Das Amflow TL wirbelt das E-SUV-Segment genauso auf, wie es die Mountainbikes der Marke im Gelände getan haben. Mit einem unschlagbaren Mix aus maximaler Motorpower, wegweisender Konnektivität, geringem Gewicht und einem fast schon unverschämten Preispunkt liefert Amflow den derzeit wohl attraktivsten Daily Driver für Pendler und Tourenfahrer. Amflow steigt in den Massenmarkt ein und weiß, was hier wirklich zählt. Stressfreies Biken zum attraktiven Preis. Kein Modellwahnsinn, keine unnötigen Features, keine anfälligen Spielereien. Wer im Alltag unverschwitzt von A- nach B kommen will, kann das mit keinem Bike so elegant und sinnvoll wie mit dem Amflow TL.






