Neuheit: Orbea Rallon RS
Weniger Motor, mehr Mountainbike: Mit dem Rallon RS stellt Orbea ein E-MTB-Konzept vor, das sich klar gegen die aktuelle Entwicklung am Markt positioniert. Statt Leistungswettrüsten setzt man beim neuen Rallon RS ganz bewusst auf die minimale Motorunterstützung und maximale Vernetzung. Was steckt hinter der Studie?
Vernetztes Gesamtsystem statt klassischem E-Antrieb
Technisch hebt sich das Rallon RS vor allem durch seine Systemintegration von bestehenden Konzepten ab. Motor, Fahrwerk, Variostütze und Bedienelemente arbeiten nicht isoliert, sondern tauschen permanent Daten aus. Und alle elektronischen Bauteile werden über den zentralen Hauptakku des E-MTB-Systems mit Energie versorgt. Hier wurde ganzheitlich gedacht.
Gemeinsam mit TQ und Fox entwickelte Orbea ein Kommunikationssystem, das in dieser Tiefe bislang einzigartig ist. Einzigartig ist vor allem auch, dass sich in der wettbewerbsdurchsetzten Branche drei Firmen gefunden haben, um an einem Strang zu ziehen. Bislang war die Vernetzung von Bauteilen nur für Sram möglich, die mit ihren Schaltungen und elektronischen Flight Attendant-Fahrwerken alle Teile selbst herstellen.
Beim Orbea Rallon RS beeinflussen Motordaten wie Trittfrequenz, Leistung oder Geschwindigkeit direkt die Fahrwerksabstimmung, während die Position der Variostütze bestimmt, ob der Dämpfer offen oder straffer arbeitet. Gleichzeitig passt der Motor seine Unterstützung an Fahrsituation und Gelände an – etwa um bergab in technischem Terrain nicht störend einzugreifen. Gesteuert wird das System über das RS-HMI-Control, also eine zentrale Remote-Einheit am Lenker, ohne dass die Hände vom Lenker genommen werden müssen.
Uphill-Performance: Unterstützung als Ausgleich, nicht als Game-Changer
Trotz viel Federweg soll sich das Rallon RS bergauf nicht wie ein Enduro anfühlen, sondern eher wie ein effizientes CC- oder Trailbike. Der eingesetzte TQ HPR40 Motor liefert bis zu 200 Watt Spitzenleistung und 40 Nm Drehmoment – bewusst deutlich weniger als aktuelle Full-Power-Systeme. DJI und Bosch Motoren schieben mit über 700 Watt ganz anders an.
Die Unterstützung schließt vor allem die Lücke zu leichteren, rein mechanischen Bikes, indem sie zusätzliches Gewicht und den höheren Rollwiderstand kompensiert. So wird es eben möglich, dass sich das Rallon RS mit knapp über 17 Kilo anfühlen soll wie ein Bike mit 11 Kilo und weniger. Mit den 17 Kilo ist man gewichtstechnisch zumindest nicht mehr weit weg von klassischen Enduros ohne Motor, die ja zuletzt auch immer schwerer geworden sind.
Neue Uphill-Flow-Dimensionen oder motorisierte Kletterpassagen sollen damit explizit nicht eröffnet werden. Das Ergebnis ist ein gleichmäßiges, natürliches Tretgefühl, bei dem Anstiege weiterhin Eigenleistung erfordern und sich entsprechend „verdient“ anfühlen. Durch die geringe Motorleistung verspricht Orbea bis zu 2000 hm Reichweite aus dem nur 290 Wh kleinen Akku zu kitzeln. Optional gibt es den TQ Range Extender mit zusätzlichen 180 Wh Kapazität.
Zukunftsausblick: Konzept-Bike mit Signalwirkung?
Orbea positioniert das Rallon RS klar als Projekt mit Blick nach vorn. Ziel ist es nicht, bestehende E-MTB-Konzepte zu optimieren, sondern grundlegende Fragen zum Zusammenspiel von Motorleistung, Fahrwerk und Fahrerlebnis neu zu stellen. Die hier gesammelten Erkenntnisse sollen in zukünftige Bikes einfließen, die auch in größeren Stückzahlen produziert werden.
Damit zeigt Orbea eine mögliche Alternative zur aktuellen Leistungs-Eskalation auf: weniger Fokus auf Zahlen, mehr Fokus auf Integration, Fahrgefühl und Kontrolle. Ob sich dieser Ansatz am Markt durchsetzt, bleibt offen – als Denkanstoß für die Branche ist das Rallon RS jedoch hochrelevant. Wir freuen uns darauf, dieses Bike in der Praxis zu testen.
Unsere persönliche Einschätzung des Konzepts:
Das Orbea Rallon RS ist eine spannende Entwicklung, die Biker anspricht, die bislang nicht vom E-Bike Hype überzeugt wurden. Die Entwicklungsleistung, gemeinsam mit TQ und Fox verschiedene Systeme zu vereinen, ist beachtlich. Das bekommen nicht mal Big-Player wie Trek oder Specialized hin. Auf dem Papier klingt das Bike mehr nach Bio- als nach EMTB. Es bleibt spannend, wie sich dieses Bike in der Praxis tatsächlich anfühlt. Der Versuch der Industrie, mit den light EMTBs den Markt generell in eine natürlichere Richtung zu entwickeln, ist nüchtern, aber ganzheitlich betrachtet gescheitert. Klassische light-EMTBs werden immer mehr zu Nischenobjekten. Vielleicht will die Zielgruppe der sportlichen Fahrer wahrlich dieses noch radikalere Konzept? Wir freuen uns auf eine erste Testfahrt.






