Geheimtipp?

EMTB unter 2500 €: Deruiz Dolomit im Test

Das Deruiz Dolomit positioniert sich als kraftvolles Hardtail im preislich umkämpften Einsteigersegment. Mit einem Gobao-Antrieb und einem Fokus auf Reichweite und Power zielt es weniger auf technische Singletrails als vielmehr auf die Rolle als robustes Arbeitstier für Touren und den anspruchsvollen Alltagseinsatz.

Deruiz Dolomit Test
Die Marke Deruiz wird von Mönchengladbach aus gesteuert und drängt mit schicken E-Bikes zu guten Preisen vermehrt auf den deutschen Markt. Wir haben uns das Deruiz Dolomit im Test mal genauer angesehen.

Wer ein Budget von unter 3.000 € ansetzt, begibt sich in das sprichwörtliche Haifischbecken der Produktmanager. In dieser Preisklasse wird um jeden Cent kalkuliert, was meist den Verzicht auf Highend-Komponenten wie den aktuellen Bosch Performance Line CX Gen 5 Motor oder aufwendige 12-fach-Antriebe bedeutet. Das Deruiz Dolomit trifft hier auf etablierte Konkurrenz wie das Cube Reaction Hybrid One 800, das Grand Canyon:ON AL 7 oder das Radon Jealous Hybrid 7.0.

Während die namhafte Konkurrenz oft auf Marken-Integration und fein abgestimmte Geometrien setzt, punktet das Dolomit über die Motor-Leistung. Kein anderer Motor in diesem Preissegment schiebt derart mächtig an. Wer in diesem Segment ein vollgefedertes E-MTB sucht, muss meist auf dem Gebrauchtmarkt oder bei spezialisierten Refurbished-Händlern suchen, da neue Fullys in dieser Preisregion kaum seriös realisierbar sind.

Deruiz Dolomit Erfahrung
Wir waren mit dem Deruiz Dolomit im Alltag, aber auch abseits befestigter Wege unterwegs.
Deruiz Dolomit Display
Deruiz setzt auf eine Gobao-Motorradhardware, die hochgradig für Deruiz individualisiert wurde, was z. B. auch am Display zu sehen ist.

Antrieb & Energie: Das Kraftpaket aus Fernost

Das Herzstück des Deruiz Dolomit ist der 48-Volt-Antrieb von Gobao, dessen Hardware-Basis auch in deutlich teureren Bikes von Aventon oder Hepha zum Einsatz kommt. In Sachen Vortrieb deklassiert dieser Motor selbst namhafte Aggregate wie den Bosch CX Gen 5, da er bereits bei minimalem Eigeninput massiven Schub generiert. Wir sprechen hier von Unterstützungswerten über 800 Watt, bei lediglich 150 Watt, die man über die Pedale selbst liefern muss. Auch das Drehmoment ist mit 110 Nm mehr als ausreichend bei diesem Motor. Diese Charakteristik macht das Bike besonders für Fahrer interessant, die eine kräftige Unterstützung ohne hohe Eigenleistung bevorzugen. Auch der Einsatz mit Kinderanhänger ist für dieses Bike sprichwörtlich ein Kinderspiel.

Deruiz Gobao-Motor
Auf dem Motor steht Deruiz, die Hardware kommt aber von Gobao und liefert über 800 Watt Spitzenleistung.
Aventon Current
Auch andere Hersteller wie Aventon vertrauen auf die Gobao Hardware.
Hepha All Mountain
Ein weiterer Hersteller, der auf dieselbe Motorhardware setzt, ist Hepha.

Die meisten Hersteller arbeiten mit einer relativ niedrigen Netzspannung von 36 Volt. Das Gobao System setzt hier auf 48 Volt und kann deshalb vor allem bei der Effizienz punkten. In Kombination mit dem großzügigen 720-Wh-Akku sorgt das für überdurchschnittliche Reichweiten. Touren mit 80 Kilometer sind kein Problem. Bei der Nutzung für alltägliche Strecken muss man wochenlang nicht nachladen. Das ist sehr angenehm. Dass der Motor bauartbedingt bei Abfahrten hörbar klappert, trübt den Qualitätseindruck in technischem Gelände etwas, ist in dieser Preisklasse jedoch ein Kompromiss, den viele Nutzer zugunsten der Power eingehen dürften. Das Klappergeräusch tritt nur im Gelände auf, wenn man das Bike mit Erschütterungen vom Untergrund konfrontiert.

Akku-Entnahme
Der 720 Wh Akku ist mit einem Schloss gesichert, lässt sich aber jederzeit aus dem Unterrohr entnehmen.
Ladeport
Der Ladeport für den Akku am Bike ist relativ unscheinbar.

Ausstattung & Labor: Zweckmäßig mit Schattenseiten

Die Wahl der Komponenten zeigt ein klares Bild: Funktion vor Prestige. Die Shimano Cues 11-fach Schaltung gilt als extrem verschleißarm und ist prädestiniert für die hohen Kettenzugkräfte eines starken E-Motors. Auch die Tektro-Bremsanlage mit vier Kolben (vorne) bietet nominell hohe Verzögerungswerte, offenbarte im Test jedoch Schwächen in der Materialgüte; die Bremshebel sind aus relativ weichem Alu gefertigt und neigen bei Stürzen oder einem Umfallen des Bikes schnell zum Verbiegen.

Tektro 4 Kolben Bremse
Die Tektro Vorderradbremse verzögert mit großer Bremsscheibe und 4 Kolben im Sattel zuverlässig.
Shimano Cues Schaltung
Die Shimano Cues Schaltung hat 11 Gänge und bietet eine ausreichende Bandbreite sowie eine zuverlässige Funktion bei geringerem Verschleiß.
Schalthebel
Der Shimano-Schalthebel hat eine kleine Ganganzeige und funktioniert gut.
Tektro Bremshebel
Der Tektro Bremshebel ist aus relativ weichem Alu. Fällt das Bike um, verbiegt dieser schnell mal.
Starre Sattelstütze
Tuning-Potenzial: Für mehr Komfort und Fahrspaß würden wir das Nachrüsten einer Teleskopstütze empfehlen.
Seitenständer
Der Seitenständer ist ab Werk an Bord, wurde in unserem Test aber mehrmals locker.

Ein deutliches Tuningpotenzial birgt die fehlende Teleskopsattelstütze, die heutzutage selbst an Einsteiger-Hardtails zum Standard gehören sollte, um die Sicherheit im Gelände und den Komfort beim Auf- und Absteigen zu erhöhen. Leider liefern das aber auch die meisten Konkurrenten in dieser Preisklasse nicht. Zudem sorgt die etwas eigenwillige Zugverlegung im Steuerrohr-Bereich und ein sich regelmäßig lockernder Seitenständer für Abzüge in der B-Note der Verarbeitungsqualität.

Zugverlegung
Der Zug für die vordere Bremsleitung ist etwas fragwürdig durch den Steuerrohrbereich verlegt. Das macht wenig Sinn.
Steuersatz
Die Zugeingänge am Steuersatz haben große Öffnungen und sind somit Einfallschleusen für Wasser und Schmutz. Hier würden Gummidichtungen guttun.
Gepäckträgermontage
Der Rahmen hat eine wertige Verarbeitung und auch eine Montage vom Gepäckträger oder Schutzblech ist möglich.
Steckachse
Das Hinterrad hat eine Steckachse, was die Steifigkeit und Wertigkeit des Rahmens erhöht und in der Preisklasse nicht selbstverständlich ist.
Lenker Vorbau
Kurzer Vorbau, breiter Lenker. So muss das heutzutage sein! Die Sitzposition fällt angenehm aus. Leider gibt es nur zwei Rahmengrößen.

Fahrverhalten: Souveräner Tourer statt Trail-Räuber

In der Fahrpraxis wird schnell deutlich, dass die Bezeichnung „Mountainbike“ beim Dolomit eher als Kategorisierung für die Robustheit zu verstehen ist. Mit einem Gewicht von über 26 Kilogramm und einem starren Heck fehlt es dem Bike an der Agilität für enge Singletrails. Auf Schotterwegen und Waldautobahnen liegt es hingegen satt auf und vermittelt durch die breiten Felgen und Reifen viel Sicherheit. Auch die Bremsanlage liefert genügend Power, um jederzeit schnell zum Stehen zu kommen.

Deruiz Dolomit Test
Auf Feldwegen oder Forstautobahnen fühlt sich das Deruiz Dolomit wohl.

Geht es steil bergab, limitiert die hohe, fixe Sattelstütze den Bewegungsspielraum massiv. Das Dolomit glänzt stattdessen als Lastenesel: Dank des hohen Drehmoments zieht es Kinderanhänger oder schwere Einkäufe mühelos weg. Es ist ein Bike für den „Daily Driver“ oder gemütlichen Tourer, der eine zuverlässige und kraftvolle Verbindung von A nach B sucht, ohne sich um filigrane Technik sorgen zu müssen.

Deruiz Dolomit Erfahrung

Pro

  • starker Motor mit hoher Unterstützung
  • Hohe Reichweite dank effizientem 48V-System und 720 Wh Akku
  • Robustes Gesamtkonzept mit langlebiger Shimano Cues Gruppe.
  • Gutes Preis-Leistungs-Verhältnis
  • Akku für externes Laden leicht entnehmbar

Contra

  • hohes Gewicht von über 26 kg
  • keine Variostütze ab Werk verbaut
  • Motorgeräusche (Klappern) in der Abfahrt
  • eingeschränkte Größenauswahl (nur zwei Rahmengrößen)
  • Anbauteile wie Seitenständer und Bremshebel mit Schwächen

Fazit

Das Deruiz Dolomit ist kein Präzisionsinstrument für den Trail, sondern ein Kraftprotz für den Alltag. Wer maximale Motorpower zum minimalen Preis sucht und ein ehrliches Touren-Hardtail benötigt, wird hier fündig. Dieses EMTB ist keine Billigware, sondern ein wertiges Produkt, das für 2399 € in einer Preisklasse spielt, wo diese Aussage nicht immer gilt. Und vor allem in einer Preisklasse, wo sich viele Marken schwer tun, gute Produkte anzubieten. Unser Tipp: Wir würden eine Teleskopstütze nachrüsten.

Über den Autor

Ludwig Döhl

... hat mehr als 100.000 Kilometer im Sattel von über 1000 unterschiedlichen Mountainbikes verbracht. Die Quintessenz aus vielen Stunden auf dem Trail: Mountainbikes sind geil, wenn sie zu den persönlichen Vorlieben passen! Mit dieser Erkenntnis hat er bike-test.com gegründet, um Bikern zu helfen, ein ganz persönliches Traumbike zu finden.

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