Focus Jam² Next

Kann man Carbon Recyceln?

Carbon ist der heilige Gral des modernen Rahmenbaus, doch seine Ökobilanz ist ein Desaster. Focus will das ändern: Mit dem Jam² Next präsentieren die Stuttgarter ein E-MTB, dessen Rahmen nicht nur im Rekordtempo in Europa gefertigt wird, sondern nach seinem Leben nicht auf dem Sondermüll landen muss. Wir haben die Hintergründe der Thermoplast-Technologie beleuchtet, das Bike über die Trails gejagt und wurden von der Nachricht enttäuscht, dass es dieses Bike nie zu kaufen geben wird.

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Jeder Carbon-Rahmen, der jemals gebaut wurde, existiert noch heute. Da klassisches Carbon (Duroplast) mit Epoxidharz verklebt wird, lässt es sich weder einschmelzen noch sinnvoll recyceln. In der Müllverbrennung bleiben die Fasern als Sondermüll zurück. Zudem ist die Fertigung extrem aufwendig: Rund 30 Stunden Handarbeit stecken in einem herkömmlichen High-End-Rahmen, weshalb die Produktion fast ausschließlich in Niedriglohnländern wie Vietnam oder China stattfindet.

Focus wollte mit dem Jam² Next aus diesem Kreislauf raus. Statt Handarbeit setzt man auf Automatisierung, statt Asien auf Europa und statt Epoxidharz auf Thermoplast. Doch dass der Weg zum grünen Carbon nicht leicht wird, zeigt an diesem Beispiel deutlicher, wie man es theoretisch je skizzieren könnte. Denn statt die Serienfertigung anzuschmeißen, kam kurz vor dem Produktlaunch die Horrornachricht: Der vermeintlich nachhaltige Produzent ist pleite. Das Projekt Jam² Next bekommt damit den Status „Pilotprojekt“ und wird nie in Serie gehen. Wir haben uns dennoch die Details angesehen.

Focus Jam² Next Test
Mountainbike ist ein naturverbundener Sport. High End Mountainbikes sind aber alles andere als naturverträglich. Denn Carbonfasern lassen sich nicht recyclen. Bis jetzt zumindest nicht vernünftig.
Nachhaltige Carbon Produkte
Wir haben das Focus Jam² Next auf Herz und Nieren geprüft. Hat die neue Technologie im Praxistest einen Nachteil?
Focus Jam²
Das Focus Jam² Next basiert auf dem normalen Focus Jam², wurde aber mit einer neuen Technologie gefertigt. Wer das Bike interessant findet, bekommt es aktuell nur als Alu-Version.

Die Technik: Vom Roboter zum Rahmen in 15 Minuten

Der entscheidende Unterschied bei der Carbon Verarbeitung im Focus Jam² Next Projekt liegt im Bindemittel (dem Kleber) der Carbonmatten. Das beim Jam² Next verwendete Polymer kann beliebig oft erhitzt und wieder abgekühlt werden. Klassisches Epoxitharz, so wie es bei der normalen Carbonfertigung zum Einsatz kommt, kann nur einmal erstarren und behält danach immer seine feste Form. Dieser Unterschied ermöglicht einen völlig neuen Fertigungsprozess von Carbonbauteilen, der den Einsatz von Maschinen statt klassischem Handwerk zulässt. Im Wesentlichen sieht der Prozess so aus:

  • Automatisches Legen: Ein Roboter schneidet Carbon-Tapes von der Rolle und verschweißt sie zu einer Matte.
  • Konsolidierung: Unter Hitze und Druck entsteht eine Platte mit exakt definierten Wandstärken.
  • Formgebung: Diese Platte wird in Metallformen gepresst – nach weniger als einer Viertelstunde fällt die Rahmenhälfte fertig aus der Maschine.

Das Ergebnis ist ein Hauptrahmen, der mit knapp 1.600 Gramm exakt ein Kilo leichter ist als das Aluminium-Pendant des Focus Jam². Auch wenn das noch nicht ganz das Niveau von extremem Leichtbau-Carbon erreicht, ist der Effizienzsprung gewaltig. Denn der maschinell gefertigte Rahmen hat eine Maschinenlaufzeit von weniger als einer Stunde. In klassischer Bauweise braucht man immer noch 20-30 h menschliche Arbeitszeit, um einen Carbonrahmen zu produzieren.

Polymer Carbon
Die Carbonfasern auf dieser Rolle sind bereits mit Polymerkleber versehen und werden in kleinen Abschnitten zu einer Rohlingsplatte verlegt.
Carbon-Rohling
Die Rohlingsplatte hat bereits spezifische Wandstärken und bildet die Grundlage für eine spätere Rahmenhälfte.
Hydraulikpresse
In einer Presse wird mit Hitze und Formteilen, die auf die Rohlingsplatte drücken, eine Rahmenhälfte geformt.
Roher Carbon-Rahmen
Erstaunlich: Wir konnten einen unlackierten Rahmenrohling aus der Maschine begutachten und waren von der Oberflächenqualität beeindruckt. Hier gibt es nur wenig Grund zur Kritik.
Focus Jam² Next
Das Jam² Next sieht geil aus, wird so aber nie verkauft werden. Der Produzent ist pleite.
Carbon Design
Auch bei den Details mit komplexen Formen gibt es keinen Unterschied in der Optik zu herkömmlich verarbeitetem Carbon.
Formsprache
Bei Formsprache und Design gibt es auch mit dem neuen Carbonverarbeitungsverfahren keinerlei Limitation.

Auf dem Trail: Spürt man den Unterschied?

Die wichtigste Frage für uns: Fährt sich „Polymer-Carbon“ anders? Nach zwei Tagen auf anspruchsvollen Trails lautet die Antwort: Nein. Und das ist das größte Kompliment, das man dem Projekt machen kann.

Das Jam² Next fühlt sich zu keinem Zeitpunkt wie ein labiler Prototyp an. Die Lenkpräzision ist hoch, der Rahmen im Tretlagerbereich absolut steif. Das gesparte Kilo am Hauptrahmen macht das Bike spürbar agiler in schnellen Wechselkurven und erleichtert das Handling in technischen Sektionen. Es ist ein voll wettbewerbsfähiges E-MTB, das die technologische Reife des Materials unter Beweis stellt.

Focus Jam² Next Praxis
Der Praxistest zeigt: Auf dem Trail ist kein Unterschied oder Nachteil zu klassischen Carbonrahmen zu spüren.
Focus Jam² Next Erfahrungen
Auch in Kompressionen oder Anliegerkurven verwindet sich der Rahmen nicht mehr, als man das gewohnt ist.
Focus Jam² Next Erfahrungen
Es gibt keine Limitationen bei Sprunghöhen oder Belastungsspitzen mit dem neuen Verfahren.

Das Recycling-Versprechen

Wenn das Jam² Next das Ende seiner Lebensdauer erreicht, wird es nicht zum Umweltproblem. Der Rahmen kann geschreddert werden. Das entstehende Granulat lässt sich im Spritzgussverfahren zu neuen Bauteilen verarbeiten – etwa für urbane Fahrradrahmen oder Komponenten. Es entsteht ein echter Kaskadenkreislauf statt einer Einbahnstraße zur Deponie.

Fairerweise muss man auch sagen: Auch normale Epoxyd-Carbonteile können auch geschreddert werden und z.B. im faserverstärkten Kunststoff wieder eingesetzt werden. Aber man bekommt das Epoxidharz nicht mehr aus der geschredderten Menge heraus, was in der weiteren Verarbeitung immer ein Downcycling bedeutet. Der Polymerklebstoff eröffnet hier neue Methoden.

Focus Jam² Next Studie
Das Focus Jam² Next bleibt ein Technologieträger. Die Pleite des Produzenten macht eine Serienfertigung unmöglich.

Das Aus vor dem Start: Warum man dieses Bike nicht kaufen kann

Trotz der technologischen Reife gibt es eine schlechte Nachricht für alle, die bereits den Bestellfinger gezückt hatten: Das Focus Jam² Next wird in dieser Form nicht in den Handel kommen. Die geplante Kleinserie von 200 Stück zu einem Preis von 8.999 Euro ist vorerst Geschichte.

Der Grund dafür liegt nicht in der Technik, sondern in der wirtschaftlichen Volatilität der Fahrradbranche. Der belgische Fertigungspartner Rein4ced, der den hochautomatisierten Prozess gestemmt hatte, musste Ende 2025 Insolvenz anmelden. Ein Schicksal, das zeigt, wie steinig der Weg zur nachhaltigen Carbon-Produktion ist. Die Gründe für das Scheitern von Rein4ced lassen sich vereinfacht so darstellen:

  • Abhängigkeit von Stückzahlen: Ein hochmoderner Maschinenpark und fünf Jahre Entwicklung rechnen sich nur über Masse. Als Großaufträge anderer Branchenriesen (wie der Accell-Gruppe) ausblieben oder verschoben wurden, brach das wirtschaftliche Kartenhaus für den Spezialisten zusammen.
  • Kapitalintensität: Während man in Fernost "nur" Menschen in Hallen setzen muss, erfordert die europäische Thermoplast-Fertigung Millioneninvestitionen in Robotik und Engineering.
  • Marktrealität: In einem gesättigten Markt, in dem aktuell eher Lager abverkauft als Innovationen finanziert werden, haben es junge, mutige Produktionstechnologien doppelt schwer.

Focus steht nun mit einem fertigen, funktionierenden Konzept da, aber ohne die Fabrik, die es ausspuckt. Das Know-how liegt zwar in Stuttgart, doch die Suche nach einem neuen Partner, der das finanzielle Risiko einer solchen Anlage in Europa trägt, gleicht aktuell einer Herkulesaufgabe. Das Jam² Next wandert damit vorerst vom Trail in die Vitrine – als Beweis dessen, was möglich wäre, wenn die Branche den Mut zur industriellen Umkehr fände.

Nachhaltiges Carbon
Wir sind das Focus Jam² Next gefahren und dabei wird es wohl bleiben. Denn das Bike wird nie auf dem Markt kommen.

Pro

  • Nachhaltigkeit: Vollständig recycelbarer Rahmen.
  • Made in Europe: Kurze Lieferwege und faire Produktion.
  • Nachhaltigkeit: Vollständig recycelbarer Rahmen. Wirtschaftlichkeit: Aktuell hohe Investitionskosten. Made in Europe: Kurze Lieferwege und faire Produktion. Verfügbarkeit: Durch Insolvenz des Partners Rein4ced vorerst gestoppt. Gewicht: 1 kg leichter als Aluminium.
  • Performance: Kein Unterschied zu klassischem Carbon spürbar.

Contra

  • Wirtschaftlichkeit: Aktuell hohe Investitionskosten.
  • Verfügbarkeit: Durch Insolvenz des Partners Rein4ced vorerst gestoppt.
  • Limit: Nicht im extremen High-End-Leichtbau (Prepreg) angekommen.
  • Zukunft ungewiss: Suche nach neuem Fertigungspartner läuft.
maschinelle Carbon-Verarbeitung
Auf dem Weg zum nachhaltigeren Carbon muss die Branche wohl noch ein paar Spitzkehren nehmen.

Fazit: Ein Sieg für die Technik, ein Dämpfer für den Markt

Das Focus Jam² Next ist ein technischer Triumph, aber ein wirtschaftliches Mahnmal. Es beweist, dass eine ökologischere, automatisierte Carbon-Fertigung in Europa keine Utopie mehr ist. Dass das Projekt vorerst ausgebremst wurde, liegt nicht an der Performance – die ist tadellos –, sondern an den wirtschaftlichen Turbulenzen der Branche.

Dennoch: Die Ära des „Wegwerf-Carbons“ hat durch diese Pionierarbeit Risse bekommen. Focus hat gezeigt, dass die Lösung existiert. Jetzt muss der Markt zeigen, ob er bereit ist, den Preis für echte Nachhaltigkeit zu zahlen.

Über den Autor

Ludwig Döhl

... hat mehr als 100.000 Kilometer im Sattel von über 1000 unterschiedlichen Mountainbikes verbracht. Die Quintessenz aus vielen Stunden auf dem Trail: Mountainbikes sind geil, wenn sie zu den persönlichen Vorlieben passen! Mit dieser Erkenntnis hat er bike-test.com gegründet, um Bikern zu helfen, ein ganz persönliches Traumbike zu finden.

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