Kann man Carbon Recyceln?
Carbon ist der heilige Gral des modernen Rahmenbaus, doch seine Ökobilanz ist ein Desaster. Focus will das ändern: Mit dem Jam² Next präsentieren die Stuttgarter ein E-MTB, dessen Rahmen nicht nur im Rekordtempo in Europa gefertigt wird, sondern nach seinem Leben nicht auf dem Sondermüll landen muss. Wir haben die Hintergründe der Thermoplast-Technologie beleuchtet, das Bike über die Trails gejagt und wurden von der Nachricht enttäuscht, dass es dieses Bike nie zu kaufen geben wird.
Die Technik: Vom Roboter zum Rahmen in 15 Minuten
Der entscheidende Unterschied bei der Carbon Verarbeitung im Focus Jam² Next Projekt liegt im Bindemittel (dem Kleber) der Carbonmatten. Das beim Jam² Next verwendete Polymer kann beliebig oft erhitzt und wieder abgekühlt werden. Klassisches Epoxitharz, so wie es bei der normalen Carbonfertigung zum Einsatz kommt, kann nur einmal erstarren und behält danach immer seine feste Form. Dieser Unterschied ermöglicht einen völlig neuen Fertigungsprozess von Carbonbauteilen, der den Einsatz von Maschinen statt klassischem Handwerk zulässt. Im Wesentlichen sieht der Prozess so aus:
- Automatisches Legen: Ein Roboter schneidet Carbon-Tapes von der Rolle und verschweißt sie zu einer Matte.
- Konsolidierung: Unter Hitze und Druck entsteht eine Platte mit exakt definierten Wandstärken.
- Formgebung: Diese Platte wird in Metallformen gepresst – nach weniger als einer Viertelstunde fällt die Rahmenhälfte fertig aus der Maschine.
Das Ergebnis ist ein Hauptrahmen, der mit knapp 1.600 Gramm exakt ein Kilo leichter ist als das Aluminium-Pendant des Focus Jam². Auch wenn das noch nicht ganz das Niveau von extremem Leichtbau-Carbon erreicht, ist der Effizienzsprung gewaltig. Denn der maschinell gefertigte Rahmen hat eine Maschinenlaufzeit von weniger als einer Stunde. In klassischer Bauweise braucht man immer noch 20-30 h menschliche Arbeitszeit, um einen Carbonrahmen zu produzieren.
Auf dem Trail: Spürt man den Unterschied?
Die wichtigste Frage für uns: Fährt sich „Polymer-Carbon“ anders? Nach zwei Tagen auf anspruchsvollen Trails lautet die Antwort: Nein. Und das ist das größte Kompliment, das man dem Projekt machen kann.
Das Jam² Next fühlt sich zu keinem Zeitpunkt wie ein labiler Prototyp an. Die Lenkpräzision ist hoch, der Rahmen im Tretlagerbereich absolut steif. Das gesparte Kilo am Hauptrahmen macht das Bike spürbar agiler in schnellen Wechselkurven und erleichtert das Handling in technischen Sektionen. Es ist ein voll wettbewerbsfähiges E-MTB, das die technologische Reife des Materials unter Beweis stellt.
Das Recycling-Versprechen
Wenn das Jam² Next das Ende seiner Lebensdauer erreicht, wird es nicht zum Umweltproblem. Der Rahmen kann geschreddert werden. Das entstehende Granulat lässt sich im Spritzgussverfahren zu neuen Bauteilen verarbeiten – etwa für urbane Fahrradrahmen oder Komponenten. Es entsteht ein echter Kaskadenkreislauf statt einer Einbahnstraße zur Deponie.
Fairerweise muss man auch sagen: Auch normale Epoxyd-Carbonteile können auch geschreddert werden und z.B. im faserverstärkten Kunststoff wieder eingesetzt werden. Aber man bekommt das Epoxidharz nicht mehr aus der geschredderten Menge heraus, was in der weiteren Verarbeitung immer ein Downcycling bedeutet. Der Polymerklebstoff eröffnet hier neue Methoden.
Das Aus vor dem Start: Warum man dieses Bike nicht kaufen kann
Trotz der technologischen Reife gibt es eine schlechte Nachricht für alle, die bereits den Bestellfinger gezückt hatten: Das Focus Jam² Next wird in dieser Form nicht in den Handel kommen. Die geplante Kleinserie von 200 Stück zu einem Preis von 8.999 Euro ist vorerst Geschichte.
Der Grund dafür liegt nicht in der Technik, sondern in der wirtschaftlichen Volatilität der Fahrradbranche. Der belgische Fertigungspartner Rein4ced, der den hochautomatisierten Prozess gestemmt hatte, musste Ende 2025 Insolvenz anmelden. Ein Schicksal, das zeigt, wie steinig der Weg zur nachhaltigen Carbon-Produktion ist. Die Gründe für das Scheitern von Rein4ced lassen sich vereinfacht so darstellen:
- Abhängigkeit von Stückzahlen: Ein hochmoderner Maschinenpark und fünf Jahre Entwicklung rechnen sich nur über Masse. Als Großaufträge anderer Branchenriesen (wie der Accell-Gruppe) ausblieben oder verschoben wurden, brach das wirtschaftliche Kartenhaus für den Spezialisten zusammen.
- Kapitalintensität: Während man in Fernost "nur" Menschen in Hallen setzen muss, erfordert die europäische Thermoplast-Fertigung Millioneninvestitionen in Robotik und Engineering.
- Marktrealität: In einem gesättigten Markt, in dem aktuell eher Lager abverkauft als Innovationen finanziert werden, haben es junge, mutige Produktionstechnologien doppelt schwer.
Focus steht nun mit einem fertigen, funktionierenden Konzept da, aber ohne die Fabrik, die es ausspuckt. Das Know-how liegt zwar in Stuttgart, doch die Suche nach einem neuen Partner, der das finanzielle Risiko einer solchen Anlage in Europa trägt, gleicht aktuell einer Herkulesaufgabe. Das Jam² Next wandert damit vorerst vom Trail in die Vitrine – als Beweis dessen, was möglich wäre, wenn die Branche den Mut zur industriellen Umkehr fände.
Pro
- Nachhaltigkeit: Vollständig recycelbarer Rahmen.
- Made in Europe: Kurze Lieferwege und faire Produktion.
- Nachhaltigkeit: Vollständig recycelbarer Rahmen. Wirtschaftlichkeit: Aktuell hohe Investitionskosten. Made in Europe: Kurze Lieferwege und faire Produktion. Verfügbarkeit: Durch Insolvenz des Partners Rein4ced vorerst gestoppt. Gewicht: 1 kg leichter als Aluminium.
- Performance: Kein Unterschied zu klassischem Carbon spürbar.
Contra
- Wirtschaftlichkeit: Aktuell hohe Investitionskosten.
- Verfügbarkeit: Durch Insolvenz des Partners Rein4ced vorerst gestoppt.
- Limit: Nicht im extremen High-End-Leichtbau (Prepreg) angekommen.
- Zukunft ungewiss: Suche nach neuem Fertigungspartner läuft.
Fazit: Ein Sieg für die Technik, ein Dämpfer für den Markt
Das Focus Jam² Next ist ein technischer Triumph, aber ein wirtschaftliches Mahnmal. Es beweist, dass eine ökologischere, automatisierte Carbon-Fertigung in Europa keine Utopie mehr ist. Dass das Projekt vorerst ausgebremst wurde, liegt nicht an der Performance – die ist tadellos –, sondern an den wirtschaftlichen Turbulenzen der Branche.
Dennoch: Die Ära des „Wegwerf-Carbons“ hat durch diese Pionierarbeit Risse bekommen. Focus hat gezeigt, dass die Lösung existiert. Jetzt muss der Markt zeigen, ob er bereit ist, den Preis für echte Nachhaltigkeit zu zahlen.






