Dirtlab Paratu im Test
170 mm Federweg, 19,5 Kilogramm und ein Motor, der Full-Power liefert: Das Dirtlab Paratu verspricht die Quadratur des Kreises. Wir haben das Erstlingswerk des taiwanesischen Herstellers über die Trails gejagt, um zu sehen, ob das Konzept „Leichtbau ohne Verzicht“ aufgeht.
Vielseitigkeit als Kern-DNA
Was das Paratu von vielen Konkurrenten unterscheidet, ist die extreme Anpassbarkeit. Der Reach lässt sich via Steuersatz in 5-mm-Schritten verstellen (das macht auch die Geometrieanpassung für verschiedene Federwege perfekt), der Hinterbau ist für 29 Zoll oder Mullet-Setups (27,5 Zoll hinten) vorbereitet, und sogar die Kabelführung lässt dem Fahrer die Wahl zwischen Steuersatz-Integration oder klassischen Rahmen-Ports.
Diese Modularität zieht sich bis zum Fahrwerk durch: Das Bike ist sowohl für 170 mm als auch für zahmere 160 oder 150 mm Setups ausgelegt. Über Dämpfer mit unterschiedlichem Hub lässt sich auch im Heck der Federweg zur verbauten Gabel anpassen. Über die Reach-Verstellung die Geometrie dementsprechend für den Einsatzzweck optimieren.
Zuletzt hat Pivot mit seinem neuen Shuttle LT ein ähnlich universelles Konzept gezeigt. Und es scheint fast so, als seien universelle Ansätze für Hersteller immer wichtiger, um am Ende ihrem Bike in einer Eigenschaft keinen Deal Breaker zu verpassen. Dirtlab hat das verstanden und spielt diesen Joker ganz bewusst.
Auf dem Trail: Komfort trifft Leichtfüßigkeit
Trotz der potenten RockShox ZEB Ultimate an der Front ist das Paratu kein knallhartes Race-Enduro. Die Hinterbau-Kinematik ist eher linear bis degressiv ausgelegt, was in einem extrem komfortablen Fahrgefühl resultiert. Kleine Unebenheiten werden förmlich aufgesaugt.
Wer jedoch massiv an der Airtime feilt oder einen aggressiven Fahrstil pflegt, sollte den Dämpfer mit Volume Spacern bestücken, um mehr Gegenhalt im tiefen Federwegsbereich zu generieren. Der Dämpfer mit langem Einbaumaß (230 mm) und dem Hydraulischen Bottom Out Schutz von RockShox verhindert ein hartes Durchschlagen zu jeder Zeit. Hier harmoniert das Federelement sehr gut mit dem Rahmen.
Dank des geringen Gesamtgewichts von 19,5 kg lässt sich das Bike spielerisch über Wurzelteppiche heben und zum Richtungswechsel überzeugen – ein Fahrverhalten, das man sonst nur von deutlich schwächeren Light-E-MTBs kennt. Vor allem ein Fahrverhalten, das richtig Laune macht und das, was man vom Mountainbiken erwartet, in den Vordergrund stellt. Denn wer auf ein Bike mit 170 mm Federweg steigt, der will die Adrenalindüsen zur Arbeit zwingen.
Das Paratu hat verstanden: Der Motor ist in diesem Einsatzbereich nur das Mittel zum Zweck, um nach oben zum Traileinstieg zu kommen. Und er soll das Fahrgefühl bergab so wenig wie möglich prägen. Das gelingt zum einen durch sein geringes Gewicht, zum anderen aber durch seine ruhige Art. Weder beim Unterstützen noch beim Trailsurfen bergab hört man irgendetwas. Das gefällt!
Große Lager am Hinterbau und die solide wirkenden Alu-Umlenkhebel verpassen dem Bike die nötige Steifigkeit für den Hardcore-Einsatz, den man mit 170 mm Federweg anpeilt. Die Lenkpräzision ist zu jeder Zeit gegeben.
Reichweite und Effizienz
In unserem Test meisterte das Paratu mit dem fest verbauten 400 Wh Akku 1.056 Höhenmeter unter voller Last. Das ist ein beachtlicher Wert, wenn man bedenkt, dass der Motor fast 500 Watt schiebt. Zum Vergleich: Ein Bosch SX mit gleicher Akkugröße schafft ca. 200 Höhenmeter mehr, leistet aber auch spürbar weniger.
Wer längere Touren plant, sollte den 1,6 kg schweren Range Extender einplanen oder in den effizienten mittleren Modus wechseln, der leistungstechnisch immer noch auf dem Niveau eines Fazua Ride 60 liegt. Dann steigt die Reichweite in etwa auf 1300 hm.
Die Konkurrenz
Dirtlab ist eine der ganz wenigen Marken, die den innovativen Maxon Drive Air S Motor verbauen. Wer den Motor will, findet den sonst nur in Bikes der Schweizer Marken Thömus und Transalpes sowie bei Instinctive.
Auf das Konzept, Leichtbau und volle Power unter einem Hut zu bringen, sind allerdings auch andere Hersteller schon gekommen. Ein beeindruckendes Bike ist hier sicherlich das Orbea Rise LT, sowie das Cannondale Moterra SL und das Amflow PL Carbon.
All diese Bikes wiegen unter 20 kilo und liefern ein Full Power Motorfeeling. Allerdings ist keines der Bikes mit 170 mm Federweg ausgestattet und deren Motoren sind deutlich lauter. So gesehen besetzt das Dirtlab Paratu eine Lücke, die aktuell kein anderer Hersteller füllt. Mit einer 150er gabel verspricht Dirtlab sogar, ein Komplettbike mit unter 17 Kilo zu bauen.
Vertrieb und Preise
Dirtlab ist ein taiwanesischer Hersteller, der den Rahmen inklusive Motor und Akku für 5990 Euro anbietet und weltweit verschickt. Die Firma produziert auch für andere europäische Firmen Rahmen und wird in Taiwan von einem Holländer geführt.
Marvin Besselik ist derzeit auch dran, ein Händlernetz und Zentrallager in Europa aufzubauen, und ist offen für Anfragen aus dem Fachhandel. Der Fokus liegt darauf, einen qualitativ hochwertigen und schnellen Kundenservice bieten zu können. Und diesen Fokus in der Firmenausrichtung können wir bestätigen. Der Kontakt für den Austausch des Testbikes war in unserem Fall völlig reibungslos, wurde auf Deutsch oder Englisch abgehalten und Antworten kamen blitzschnell.
Pro
- Enorm vielseitig (Geometrie & Setup)
- Überragendes Handling durch geringes Gewicht
- Sehr hochwertige Optik und Integration
- Hohes zulässiges Systemgewicht (130 kg)
Contra
- 400 Wh Akku im Rahmen fest verbaut
- Bisher kein breites Händlernetz in Europa
- keine Komplettbikes
Fazit zum Dirtlab Paratu
Das Dirtlab Paratu ist die ideale Plattform für den Maxon-Antrieb. Es beweist, dass man für ein abfahrtsbereites 170-mm-Chassis nicht die 20-Kilo-Marke knacken muss. Es ist ein Bike für Individualisten, die ein ehrliches, komfortables Fahrverhalten suchen und die Geräuschkulisse eines Motors hassen.






