170 mm, 19,5 Kilo, volle Power

Dirtlab Paratu im Test

170 mm Federweg, 19,5 Kilogramm und ein Motor, der Full-Power liefert: Das Dirtlab Paratu verspricht die Quadratur des Kreises. Wir haben das Erstlingswerk des taiwanesischen Herstellers über die Trails gejagt, um zu sehen, ob das Konzept „Leichtbau ohne Verzicht“ aufgeht.

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Optisch ist das Dirtlab Paratu eine Ansage an die Konkurrenz. Auf den ersten Blick ist das E-MTB kaum als solches zu erkennen. Das schlanke Unterrohr beherbergt einen 400 Wh Akku. Im Tretlagerbereich steckt der revolutionäre Maxon Drive Air S Motor, den wir mit einem separaten Feature detailliert betrachten.

Mit einem Rahmengewicht von unter 3 kg und einer modernen Geometrie (63° Lenkwinkel) positioniert Dirtlab das Paratu als aggressives Enduro, das sich mit seinem geringen Gewicht aber die Agilität eines Trailbikes bewahren möchte. Bisher gab es dieses Versprechen nur von light EMTBs. Durchbricht Dirtlab damit die Gesetze der Branche?

Dirtlab Paratu Test
Das Dirtlab Paratu ist ein Underdog, hat aber Qualitäten, die so kein anderes Full-Power EMTB bietet.
Maxon Drive Air S
Er ist so stark wie ein Shimano EP801 Motor und leiser als TQs HPR 60. Der Maxon drive Air S setzt eine neue Duftmarke unter den Full-Power Motoren.
Dritlab MTB Test
Die Kombi von Dirtlab und Maxon stellt das Mountainbiken und Naturerlebnis in den Vordergrund und nicht das Wettrüsten um Maximalleistung.

Vielseitigkeit als Kern-DNA

Was das Paratu von vielen Konkurrenten unterscheidet, ist die extreme Anpassbarkeit. Der Reach lässt sich via Steuersatz in 5-mm-Schritten verstellen (das macht auch die Geometrieanpassung für verschiedene Federwege perfekt), der Hinterbau ist für 29 Zoll oder Mullet-Setups (27,5 Zoll hinten) vorbereitet, und sogar die Kabelführung lässt dem Fahrer die Wahl zwischen Steuersatz-Integration oder klassischen Rahmen-Ports.

Diese Modularität zieht sich bis zum Fahrwerk durch: Das Bike ist sowohl für 170 mm als auch für zahmere 160 oder 150 mm Setups ausgelegt. Über Dämpfer mit unterschiedlichem Hub lässt sich auch im Heck der Federweg zur verbauten Gabel anpassen. Über die Reach-Verstellung die Geometrie dementsprechend für den Einsatzzweck optimieren.

Zuletzt hat Pivot mit seinem neuen Shuttle LT ein ähnlich universelles Konzept gezeigt. Und es scheint fast so, als seien universelle Ansätze für Hersteller immer wichtiger, um am Ende ihrem Bike in einer Eigenschaft keinen Deal Breaker zu verpassen. Dirtlab hat das verstanden und spielt diesen Joker ganz bewusst.

170 mm Federweg
170 mm - Die Rock Shox Zeb hat genug Reserven, um auch im rauen Gelände voll draufzuhalten. Der Rahmen ist aber auch mit leichteren 150er-Gabeln kompatibel.
anpassbarer Reach über den Steuersatz
Über den Steuersatz lässt sich der Reach um +/- 5 mm anpassen und so die Geometrie für die entsprechende Gabellänge feintunen.
Rock Shox Vivid Air
Im Heck lässt sich der Federweg über Dämpfer mit weniger Hub auch verknappen.
Zugeverlegung
Züge können durch den Steuersatz oder klassisch durch das Unterrohr verlegt werden.
Akku und Motor integration
Im Rahmen ist ein 400 Wh Akku fest verbaut. Wir hatten im Test auch den 250 Wh Range Extender im Einsatz.
Pivot Shuttle LT
Pivot zeigt zuletzt mit dem Shuttle LT einen ähnlich universellen Ansatz wie Dirtlab.
Vielseitige EMTBs
Der Trend geht ganz klar in die Richtung, kritische Entscheidungen in die Hände der Kunden zu legen, um sich als Hersteller hier nicht die Finger zu verbrennen.

Auf dem Trail: Komfort trifft Leichtfüßigkeit

Trotz der potenten RockShox ZEB Ultimate an der Front ist das Paratu kein knallhartes Race-Enduro. Die Hinterbau-Kinematik ist eher linear bis degressiv ausgelegt, was in einem extrem komfortablen Fahrgefühl resultiert. Kleine Unebenheiten werden förmlich aufgesaugt.

Wer jedoch massiv an der Airtime feilt oder einen aggressiven Fahrstil pflegt, sollte den Dämpfer mit Volume Spacern bestücken, um mehr Gegenhalt im tiefen Federwegsbereich zu generieren. Der Dämpfer mit langem Einbaumaß (230 mm) und dem Hydraulischen Bottom Out Schutz von RockShox verhindert ein hartes Durchschlagen zu jeder Zeit. Hier harmoniert das Federelement sehr gut mit dem Rahmen.

Dirtlab Paratu test
Das Dirtlab Paratu liebt Singletrails - wir auch. Die Schnittmenge im Test war dementsprechend groß.
Durchschlagschutz
Die Hinterbaukinematik ist linear. Das sorgt für Komfort. Der hydraulische Durchschlagschutz des Vivid Air Dämpfers erledigt einen Top Job und verhindert harte Durchschläge.
Hinterbaukinematik Dirtlab Paratu
Sportliche Fahrer sollten mit Dämpfern mit kleinen Luft-Volumen arbeiten oder mit Volumen Spacer den Gegendruck vom Dämpfer gegen Ende des Federwegs etwas erhöhen.

Dank des geringen Gesamtgewichts von 19,5 kg lässt sich das Bike spielerisch über Wurzelteppiche heben und zum Richtungswechsel überzeugen – ein Fahrverhalten, das man sonst nur von deutlich schwächeren Light-E-MTBs kennt. Vor allem ein Fahrverhalten, das richtig Laune macht und das, was man vom Mountainbiken erwartet, in den Vordergrund stellt. Denn wer auf ein Bike mit 170 mm Federweg steigt, der will die Adrenalindüsen zur Arbeit zwingen.

Das Paratu hat verstanden: Der Motor ist in diesem Einsatzbereich nur das Mittel zum Zweck, um nach oben zum Traileinstieg zu kommen. Und er soll das Fahrgefühl bergab so wenig wie möglich prägen. Das gelingt zum einen durch sein geringes Gewicht, zum anderen aber durch seine ruhige Art. Weder beim Unterstützen noch beim Trailsurfen bergab hört man irgendetwas. Das gefällt!

Große Lager am Hinterbau und die solide wirkenden Alu-Umlenkhebel verpassen dem Bike die nötige Steifigkeit für den Hardcore-Einsatz, den man mit 170 mm Federweg anpeilt. Die Lenkpräzision ist zu jeder Zeit gegeben.

Dirtlab Paratub Uphill
Steil bergauf: Kein Problem für das Dirtlab Paratu
Hinterbaukinematik
Umlenkhebel fallen üppig aus. Die Steifigkeit des Bikes war auf dem Trail zu keiner Zeit ein Thema.
Dirtlab Paratu Hinterbau-Lager
Der Hinterbau arbeitet mit einem Split Pivot direkt über der Hinterradachse. Das eliminiert Bremseinflüsse im Fahrbetrieb.

Reichweite und Effizienz

In unserem Test meisterte das Paratu mit dem fest verbauten 400 Wh Akku 1.056 Höhenmeter unter voller Last. Das ist ein beachtlicher Wert, wenn man bedenkt, dass der Motor fast 500 Watt schiebt. Zum Vergleich: Ein Bosch SX mit gleicher Akkugröße schafft ca. 200 Höhenmeter mehr, leistet aber auch spürbar weniger.

Wer längere Touren plant, sollte den 1,6 kg schweren Range Extender einplanen oder in den effizienten mittleren Modus wechseln, der leistungstechnisch immer noch auf dem Niveau eines Fazua Ride 60 liegt. Dann steigt die Reichweite in etwa auf 1300 hm.

Maxon Drive Air S Reichweite
Mit 400 Wh Akku und voller Leistung ist das Dirtlab Paratu kein Reichweitenmonster. Unser Tipp: die mittlere Unterstützungstufe für längere Touren wählen.
Maxon Drive Air S Leistung
Unser tet vom maxon Drive air s hat gezeigt: Die mittlere Unterstützungsstufe ist in etwa so stark wie bei einem Bosch SX oder Fazua Ride 60 die Maximalleistung

Die Konkurrenz

Dirtlab ist eine der ganz wenigen Marken, die den innovativen Maxon Drive Air S Motor verbauen. Wer den Motor will, findet den sonst nur in Bikes der Schweizer Marken Thömus und Transalpes sowie bei Instinctive.

Auf das Konzept, Leichtbau und volle Power unter einem Hut zu bringen, sind allerdings auch andere Hersteller schon gekommen. Ein beeindruckendes Bike ist hier sicherlich das Orbea Rise LT, sowie das Cannondale Moterra SL und das Amflow PL Carbon.

All diese Bikes wiegen unter 20 kilo und liefern ein Full Power Motorfeeling. Allerdings ist keines der Bikes mit 170 mm Federweg ausgestattet und deren Motoren sind deutlich lauter. So gesehen besetzt das Dirtlab Paratu eine Lücke, die aktuell kein anderer Hersteller füllt. Mit einer 150er gabel verspricht Dirtlab sogar, ein Komplettbike mit unter 17 Kilo zu bauen.

Cannondale Moterra SL
Das cannondale Moterra sl war das erste Full power Serien EMTb unter 20 kilo.
Orbea Rise LT
Auch das Rise knackt die 20-Kilo-Marke. Seine Achillesferse, genau wie beim Cannondale: der Shimano EP801 Motor klappert laut
Amflow PL Carbon
Der shootingstar: Das Amflow PL Carbon Pro. Es wiegt unter 20 Kilo, ist aber deutlich lauter als das Dirtlab Paratu und auch nicht so abfahrtslastig wie unser testbike,

Vertrieb und Preise

Dirtlab ist ein taiwanesischer Hersteller, der den Rahmen inklusive Motor und Akku für 5990 Euro anbietet und weltweit verschickt. Die Firma produziert auch für andere europäische Firmen Rahmen und wird in Taiwan von einem Holländer geführt.

Marvin Besselik ist derzeit auch dran, ein Händlernetz und Zentrallager in Europa aufzubauen, und ist offen für Anfragen aus dem Fachhandel. Der Fokus liegt darauf, einen qualitativ hochwertigen und schnellen Kundenservice bieten zu können. Und diesen Fokus in der Firmenausrichtung können wir bestätigen. Der Kontakt für den Austausch des Testbikes war in unserem Fall völlig reibungslos, wurde auf Deutsch oder Englisch abgehalten und Antworten kamen blitzschnell.

Dirtlab Rahmenset
Vorerst wird primär das Rahmenset mit Dämpfer, Motor und Akku für 5.990 € angeboten. Komplettbikes sollen kommen.

Pro

  • Enorm vielseitig (Geometrie & Setup)
  • Überragendes Handling durch geringes Gewicht
  • Sehr hochwertige Optik und Integration
  • Hohes zulässiges Systemgewicht (130 kg)

Contra

  • 400 Wh Akku im Rahmen fest verbaut
  • Bisher kein breites Händlernetz in Europa
  • keine Komplettbikes

Fazit zum Dirtlab Paratu

Das Dirtlab Paratu ist die ideale Plattform für den Maxon-Antrieb. Es beweist, dass man für ein abfahrtsbereites 170-mm-Chassis nicht die 20-Kilo-Marke knacken muss. Es ist ein Bike für Individualisten, die ein ehrliches, komfortables Fahrverhalten suchen und die Geräuschkulisse eines Motors hassen.

Über den Autor

Ludwig Döhl

... hat mehr als 100.000 Kilometer im Sattel von über 1000 unterschiedlichen Mountainbikes verbracht. Die Quintessenz aus vielen Stunden auf dem Trail: Mountainbikes sind geil, wenn sie zu den persönlichen Vorlieben passen! Mit dieser Erkenntnis hat er bike-test.com gegründet, um Bikern zu helfen, ein ganz persönliches Traumbike zu finden.

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