Canyon Spectral:ON CF 2026 im Test
Mit einer drastischen Preissenkung und einem technischen Update kehrt das Spectral:ON CF zurück auf die Bildfläche. Nachdem Akku-Probleme das Image der einstigen E-MTB-Ikone ramponiert hatten, bläst Koblenz jetzt zum Gegenangriff. Ist das Spectral:ON für unter 4.000 € der Deal des Jahres 2026 – oder merkt man dem Bike sein Alter mittlerweile an? Wir haben den Check gemacht.
Achtung: Verwechslungspotential
Canyon Spectrals gibt es viele. Deshalb ist es, bevor man sich mit dem Bike auseinandersetzt, wichtig zu klären, für welches Spectral man sich überhaupt interessiert. In diesem Test geht es um das Spectral ON, also Full Power EMTB mit großem Akku. Das Spectral ONfly ist die light EMTB Version mit kleinem TQ-Motor und kleinem 360 Wh-Akku. Und natürlich gibt es auch noch ein Spectral komplett ohne Motor.
Weil das light EMTB dem unmotorisierten Spectral verdammt ähnlich ist, haben wir zu diesen beiden Bikes auch mal einen Vergleich gemacht. Generell hat auch das light EMTB als das Spectral ONfly eine verdammt gute Preis-Leistung, spricht mit seinem kleinem Akku aber eine ganz andere Zielgruppe an. Beim Onfly Modell geht es darum, ein möglichst natürliches Fahrgefühl ähnlich einem Biobike zu imitieren. Bei der Full Power Version steht die Tourentauglichkeit des E-Bikes ganz klar im Vordergrund.
Die Preis-Sensation: Ein Paradigmenwechsel in Koblenz
Was Canyon bei der Preisgestaltung aufruft, ist nichts weniger als eine Kampfansage an die gesamte Branche. Seit Firmengründer Roman Arnold wieder aktiv das Ruder übernommen hat, steht „Value for Money“, also die Preis-Leistung für den Kunden wieder ganz oben auf der Agenda.
| Modell | Alter Preis | Neuer Preis (2026) |
| Spectral:ON CFR | 9.499 € | 5.999 € |
| Spectral:ON CF 9 | 7.499 € | 4.999 € |
| Spectral:ON CF 8 | 6.299 € | 3.999 € |
| Spectral:ON CF 7 | 5.299 € | 3.799 € |
Für unter 3.800 € bietet das CF 7 einen Vollcarbon-Rahmen, RockShox-Fahrwerk und eine Shimano 4-Kolben-Bremse bei einem Gewicht von ca. 24,5 kg. Zum Vergleich: Selbst extrem spitz kalkulierte Versender oder Marken wie Cube liegen bei vergleichbarer Ausstattung aktuell oft 1.000 € darüber. Canyon macht in Sachen Preis eine Blutgrätsche gegen seine Konkurrenten, was bei vielen Bikern eine hohe Begehrlichkeit wecken dürfte.
Der Antrieb: Ist der Shimano EP801 noch State-of-the-art?
Der exzellente Preis ist auch deshalb möglich oder besser gesagt nötig, weil der verbaute Shimano EP801 gegen die neuen Platzhirsche wie den Bosch CX der 5. Generation oder den DJI Avinox in Sachen Performance etwas Boden verloren hat. Shimanos EP801 ist immer noch ein exzellenter, hochwertiger Full Power E-Bike Motor, kann aber in folgenden Parametern nicht mehr ganz den Status-Quo der besten Motoren halten:
- Uphill-Performance: In technischen Sektionen braucht der EP801 hohe Trittfrequenzen. Er reagiert weniger dynamisch auf Input-Änderungen des Fahrers als ein Bosch oder DJI. Wer technisch extremste Uphillchallenges fahren will, der scheitert hier früher als mit anderen Motoren. Normale Uphills packt der Motor, aber ohne mit der Wimper zu zucken.
- Geräuschkulisse: Das bekannte Getriebeklappern bei der Abfahrt ist nach wie vor präsent – das können andere Hersteller 2026 leiser.
- Maximale Leistung: In unseren Messungen erreicht der EP801 Motor Maximalleistungen von ca. 500 Watt. Das ist üppig, lässt einen in Windeseile Anstiege erklimmen und in unseren Augen auch völlig ausreichen. Bosch und DJI liefern sich derzeit aber ein Rat-Race um den stärksten Motor und servieren hier Leistungswerte von deutlich über 600, in der Spitze ja sogar fast 1000 Watt. Ein Stück weit ist dieses Leistungsgeprahle mit Sicherheit auch eine Ego-Nummer der Hersteller. Wir sehen die Maximalleistung von um die 500 Watt als sinnvoll und ausreichend an.
Wer sich im Detail für die Motorenunterschiede interessiert, sollte sich unseren großen Motorenvergleich reinziehen, bei dem wir die Top-Motoren in Sachen Sound, Motorsteuerung, Reichweite und Power verglichen haben.
Das Shimano System hat bei der Reichweite einen Joker im Ärmel parat. Trotz des kleineren 800-Wh-Akkus lieferte das Bike in unserem Test über 2.000 Höhenmeter (bei 100 kg Systemgewicht). Das ist sehr effizient und für 95 % aller Touren mehr als ausreichend. Hier spielt dem Motorsystem seine etwas geringere Leistung also bei Bosch oder DJI in die Karten. Denn weniger Leistung verbraucht auch weniger Strom und das merkt man in der Reichweite.
Trail-Check: Abfahrtsspaß pur?
Sobald man den Sattel absenkt und das Bike in den Trail drückt, zeigt das Spectral:ON seine wahre Stärke. Dank der Mullet-Konfiguration (29″ vorne, 27,5″ hinten) und den kurzen Kettenstreben bleibt das Bike extrem wendig.
Geometrie
Obwohl die Geometrie bereits 2022 vorgestellt wurde, wirkt sie auch 2026 nicht altbacken. Der Lenkwinkel von 65,5° fällt zwar mittlerweile bei vielen anderen Bikes in dieser Federwegklasse etwas flacher aus, das macht sich auf dem Trail aber nicht negativ bemerkbar. Im Gegenteil: Mit dem kleinen 27,5-Zoll-Hinterrad kommt so ein verspieltes Handling auch auf nicht zu extremen Trails auf. Eine Charaktereigenschaft, mit der sich die meisten EMTBs schwer tun.
Die hohe Front sorgt in Kombination mit der üppig dimensionierten 38er Gabel (38 mm Standrohre statt 35 mm) für ein sicheres Fahrverhalten auch im rauen, steilen Gelände. Allerdings nur, solange es bergab geht. In technischen Uphill-Sektionen steigt das Vorderrad aufgrund der hohen Front und des kleinen Hinterrads spürbar. Hier muss man das Gewicht aktiv nach vorne verlagern, wenn es ganz steil wird.
Hinterbaukinematik
Die Hinterbau-Kinematik ist eher linear ausgelegt. Das bedeutet: Viel Komfort und massig Grip am Hinterrad. Wer keine Rekorde auf der Jump-Line brechen will, wird dieses „Sofa-Feeling“ lieben. Denn es sorgt für ein sicheres Fahrgefühl und gibt einem Selbstvertrauen in jeder Situation. Wer einen super aktiven Fahrstil hat, kann die Progression über Volume-Spacer im Dämpfer erhöhen und dem Fahrwerk damit etwas mehr Feedback einhauchen.
Generell muss man aber sagen, dass die Kombination aus nicht zu aggressivem Fahrwerk und den dicken 2,6er-Reifen eine ganz klare Stringenz in der Ausrichtung des Spectral ONs offenlegt. Dieses Bike ist kein messerscharfes Racebike, sondern ein komfortorientiertes und vor allem fehlerverzeihendes Enduro, das einen auch im rauen Gelände mit einem sicheren Fahrgefühl unterstützt.
Haltbarkeit: Unsere Analyse der Lagerdimensionierung zeigt: Canyon hat hier klug konstruiert. Die Lasten auf die Hauptlager sind vergleichsweise gering, was für eine hohe Langlebigkeit spricht.
Pro
- Unschlagbares Preis-Leistungs-Verhältnis
- Sicheres und gutmütiges Handling bergab
- Hochwertiger Carbonrahmen trotz Kampfpreis
- Hohe Reichweite trotz Akkuverkleinerung
Contra
- Shimano EP801 in technischen Uphills nicht mehr Benchmark
- Getriebeklappern bei der Abfahrt
- Hohe Front erfordert aktives Gewichtsverlagerung bergauf
Fazit: Ist das Canyon Spectral:ON CF immer noch eine Ikone?
Das Canyon Spectral:ON CF ist ein Statement gegen die Preisspirale der letzten Jahre. Es ist kein Bike für „Uphill-Junkies“, die nach dem stärksten Motor am Markt gieren. Wer jedoch ein ehrliches, robustes und potentes E-MTB für den Trail-Einsatz sucht und dabei nicht sein Bankkonto plündern will, kommt am Spectral:ON aktuell nicht vorbei. Dass das Spectral:ON CF schon ein paar Jahre auf dem Buckel hat, merkt man nur am Motor. Das eigenständige Design und die Fahreigenschaften sind auch 2023 absolut state of the art. Damit liefert Canyon einen brutalen Deal für preisbewusste Biker.






