König der E-Enduros?

Orbea Wild im Test

170 mm Federweg, volle Bosch-Power und eine Race-DNA, die direkt aus dem Downhill-World-Cup stammt. Das Orbea Wild schickt sich an, den Thron der Hard-Hitting E-Enduros zu erklimmen. Wir haben den spanischen Edel-Boliden durch den Dreck gejagt und geklärt: Ist es nur schöner Schein oder die neue Referenz?

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Orbea hat sich in den letzten Jahren einen Ruf als Innovationsmotor der Branche erarbeitet. Während das kleine Geschwisterchen, das Orbea Rise, das Segment der Light-E-MTBs neu definierte, geht das Wild keine Kompromisse ein. Orbea selbst nennt es die „Yes-Maschine“ – ein Bike, das vor keinem Drop und keiner Steilsektion zurückweicht.

Besonders spannend: Die Geometrie und das Fahrwerk wurden maßgeblich auf den Downhill-Strecken von Fort William entwickelt. Unter Profi-Fahrer Martin Maes musste sich das Chassis bereits im World Cup (ohne Motor) beweisen. Das Ergebnis ist ein Ballerbolide mit einer konsequenten Downhill-DNA.

Orbea Wild Test
Das Orbea Wild ist die bedingungslose Abfahrtsmaschine im Orbea EMTB-Portfolio.
Orbea Rise LT
Das Orbea Rise LT hat weniger Gewicht und dennoch mehr Reichweite. Tourenfahrer werden hier glücklicher als mit dem knallharten Abfahrer.
Orbea Rise LT
Die Entscheidung zwischen den beiden Modellen ist nicht immer leicht für Endverbraucher.

Ausstattung & Customizing: Das MyO-Programm

Ein echtes Alleinstellungsmerkmal von Orbea ist das MyO-Programm. Während Konkurrenten wie Radon oder Rose über den Preis kommen, punktet Orbea mit Individualität. Unser Testbike kam in einer Lackierung und Ausstattung, die so nicht „von der Stange“ zu finden ist. Die Spanier sind mit ihrer Lackierung und Montage in Spanien super professionell aufgestellt und vielen Konkurrenten in Sachen Prozessbeherrschung überlegen.

Das MYO Programm bietet folgende Möglichkeiten:

  • Individualisierung: Über den Online-Konfigurator lassen sich nicht nur Parts wie Bremsen oder Reifen wählen, sondern auch das komplette Rahmendesign individuell gestalten.
  • Komponenten: Mit Fox Factory Fahrwerk (38er Gabel, X2-Dämpfer) und Shimano XT-Gruppe greifen die Basken ins oberste Regal, hier können aber jederzeit einzelne Bauteile getauscht werden.
  • Bremsen-Tuning: Ein feines Detail sind die optionalen Galfer-Bremsscheiben, die durch ihre große Oberfläche für maximale Standfestigkeit auf langen Abfahrten sorgen.
Orbea MYO Programm
Die Lackierung kommt in Spanien auf den Carbonrahmen und kann individuell gewählt werden.
Galfer-Bremsscheiben
Tuning Baby: Selbst Details wie die Bremsscheiben können im MYO-Programm individualisiert werden.
Maxxis DH-Reifen
Keine halben Sachen: Unser Testbike rollt auf echten Downhill-Schlappen. Angst vor Platten braucht hier niemand zu haben.
Orbea Wild Erfahrung
Je härter das Gelände, desto wohler fühlt sich das Orbea Wild. Wer solche Trails nicht fahren will, ist mit dem leichteren Orbea Rise LT oft besser bedient.

Antrieb & System: Bosch-Power

Im Herzen des Wild schlägt der Bosch Performance Line CX (Gen 5). Zusammen mit dem DJI-Avinox-System markiert er aktuell die Benchmark bei den Full-Power-Aggregaten.

  • Motorsteuerung: Die Leistungsentfaltung ist gewohnt souverän. Dank der präzisen Steuerung meistert man selbst die technischsten Uphill-Passagen ohne lästiges Ruckeln.
  • Integration: Das Kiox-Display ist formschön ins Oberrohr integriert. In Verbindung mit der Shimano XT Di2-Schaltung bietet das System zudem smarte Features wie Auto Shift oder Free Shift (Schalten ohne zu treten).
Bosch CX Gen 5 Motor
Deutschlands Liebling: Der Bosch CX Gen 5 Motor ist der ausgereifteste Motor auf dem Markt.
Bosch Kiox 400 C Display
Das integrierte Kiox 400 C Display kann auch navigieren.
Shimano XT Di2
Die Shimano Di2-Schaltung hat in Kombination mit dem Bosch-Motor sogar eine Automatikfunktion.

Auf dem Trail: Dynamik trotz Federwegs-Plus

Die größte Überraschung liefert der Hinterbau. Viele Bikes mit 170 mm Federweg neigen dazu, im Federweg zu versinken und sich „störrisch“ anzufühlen. Nicht so das Wild.

Orbea setzt bei all seinen Bikes auf dieselbe Hinterbautechnik. Die Besonderheit: Das hintere Lager in der Kettenstrebe umschlingt exakt die Hinterradachse. So können Bremseinflüsse auf den Hinterbau eliminiert werden.
Hinterbau-Drehpunkt
Der Drehpunkt des Hinterbaus liegt exakt auf der Hinterradachse.
Orbea-Hinterbau
Das Hauptlager ist mit einer zusätzlichen Klemmung gegen Lockerung gesichert.
Fox 38 Federgabel
Die Fox 38-Gabel ist im Gelände jedem Zweifel erhaben.

Abfahrt: Grip trifft Gegendruck

Dank eines hohen Übersetzungsverhältnisses in der ersten Federwegshälfte bietet das Bike angenehmen Gegendruck. Wer aktiv fährt und das Bike durch Anlieger pusht, wird mit viel Pop belohnt. Wird es richtig ruppig, gibt der Fox X2 Dämpfer in der zweiten Hälfte die Reserven frei, die man von einem Enduro erwartet. Hier verläuft die Kurve für das Übersetzungsverhältnis deutlich flacher als zu Beginn des Federwegs. Der flache Lenkwinkel von 63,5° sorgt dabei für eine Laufruhe, die Sicherheit vermittelt, wenn andere Bikes unruhig werden. Wenn es zur Sache geht, kommt das DH-Worldcup-Gen des Orbea Wild raus.

Orbea Wild im flowigen Gelände
Das Wild hat viel Federweg, zeigt sich aber auch im welligen Terrain erstaunlich handlich.

Uphill: Ein Kletterkünstler

Trotz der abfahrtsorientierten Geometrie klettert das Wild exzellent. Mit einem Gewicht von 22,8 kg (in Rahmengröße M mit 600-Wh-Akku und Downhill-Reifen) gehört es zu den leichteren Vertretern seiner Zunft. Wer mehr Reichweite braucht, kann auf den 750-Wh-Akku oder einen Range Extender setzen – allerdings auf Kosten der Agilität.

Orbea Wild Uphil
Kein Berg zu steil. Der Bosch CX Gen 5 schiebt mächtig an.
Orbea Wild Gewicht
Wir haben das Gewicht in Größe M, ohne Pedale, aber mit Downhillreifen gewogen.
Orbea Wild Gewicht
22,8 Kilo. Angesichts der abfahrtslastigen Ausstattung ein sehr gutes Gewicht.

Kritikpunkte

Wo Licht ist, ist auch Schatten: Das Ventil des Fox-X2-Dämpfers ist konstruktionsbedingt schwer erreichbar, weil die Dämpferpumpe an der Rahmenstrebe unten angeht. Hier ist beim Setup etwas Geduld und Fingerspitzengefühl gefragt.

Die Bremsleitung am Hinterbau muss akkurat verlegt und befestigt werden. Wird hier geschlampt, kann es sein, dass sie gelegentlich an den Speichen streift.

Zudem ist das Wild kein Schnäppchen – unter 8.000 € ist bei den Top-Ausstattungen kaum einzusteigen. Die Option auf den großen 750er Akku zu setzen untergräbt das gute Gewicht des Wild etwas. Denn der 750er Akku von Bosch hat schon etwas Staub angesetzt, da er noch aus der Entwicklungszeit des Bosch CX Gen 4 stammt und auf ältere Zellen setzt. Das macht ihn bei weniger Kapazität in etwa gleich schwer wie den aktuellen 800 Wh Akku von Bosch.

Dämpferventil
Die Designstrebe unten verhindert, dass man mit Dämpferpumpen mit langen Anschlüssen ans Ventil rankommt. Mit einem kurzen Anschluss klappt es problemlos.
Bosch 600er PowerPack
Der verbaute 600er Akku ist leicht. Der optionale 750er ist dagegen nicht aus dem letzten Entwicklungszyklus von Bosch und dadurch auch schwerer.

Pro

  • Herausragende Hinterbaukinematik
  • Customizing über das MyO-Programm
  • gutes Gewicht trotz massiver Downhill-Bereifung
  • Bosch-Motor

Contra

  • Dämpferventil schwer zugänglich
  • Hoher Einstiegspreis
  • kein entnehmbarer Akku
Orbea Wild Fazit
Hier fühlt sich das Orbea Wild wohl. Steiles Gelände mit fiesen Geländekanten.

Fazit: Für wen ist das Orbea Wild?

Das Orbea Wild ist kein braves Tourenbike – dafür haben die Spanier das Rise im Programm. Das Wild ist ein Werkzeug für Enduro-Enthusiasten, die ein kompromissloses Bike für Bikeparks und technisches Gelände suchen. Die Kombination aus exzellenter Hinterbau-Performance, der enormen Individualisierbarkeit und dem bewährten Bosch-Antrieb macht es zu einem der besten E-Enduros, die man derzeit kaufen kann.

Über den Autor

Ludwig Döhl

... hat mehr als 100.000 Kilometer im Sattel von über 1000 unterschiedlichen Mountainbikes verbracht. Die Quintessenz aus vielen Stunden auf dem Trail: Mountainbikes sind geil, wenn sie zu den persönlichen Vorlieben passen! Mit dieser Erkenntnis hat er bike-test.com gegründet, um Bikern zu helfen, ein ganz persönliches Traumbike zu finden.

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